09.06.2008 / FTD      

Informationstechnik

US-Kartellwächter untersuchen Intel

Chipkonzern unter Verdacht, Händlern illegale Rabatte zu gewähren · Branchenriese hält an Praktiken fest

von Volker Müller

von Volker Müller und Michael Gassmann

Es wird eng für Intel: Die Federal Trade Commission (FTC) der US-Kartellwächter hat ein offizielles Verfahren gegen Intel eröffnet. Das gestand der weltgrößte Computerchiphersteller am Wochenende ein. Das Verfahren geht auf Beschwerden des ungleich kleineren Rivalen AMD zurück. Dieser wirft Intel vor, Rabatte für PC-Prozessoren unzulässig an Exklusivverträge zu knüpfen. Damit werde der Wettbewerb ausgehebelt. Ein ähnliches Verfahren läuft auch in der Europäischen Union gegen Intel.

Mit der Untersuchung der US-Wettbewerbshüter schwindet Intels Glaubwürdigkeit dramatisch, sich im Markt fair zu verhalten. Bereits seit Jahren werfen Konkurrenten, Händler, PC-Hersteller und Verbraucherschützer dem Konzern vor, den Wettbewerb mit illegalen Rabatten zu torpedieren. Intels Konzernchef Paul Otellini bestreitet jedoch weiterhin, gegen Gesetze zu verstoßen, und hält deshalb weiterhin an den verdächtigen Praktiken fest.

Die FTC hatte die Geschäftspraktiken von Intel bereits 2006 informell untersucht, sich aber zur Überraschung von Wettbewerbsrechtlern gegen ein formelles Verfahren entschieden. Die Behörde setzte vor zwei Jahren noch auf Gespräche mit dem Chiphersteller und eine freiwillige "nderung seines Verhaltens. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Verbraucherschützer begrüßten den Schritt der FTC. „Aus unserer Sicht war es höchste Zeit für die Untersuchung“, sagte Mark Cooper von der Consumer Federation of America. Damit bestehe eine reelle Chance, dass der Wettbewerb bei Computerchips wieder in Gang komme. „Die Konsumenten werden davon sehr rasch und in erheblichem Ausmaß profitieren“, prophezeite er.

AMD hatte nach Ansicht von Experten lange Zeit technisch überlegende Prozessoren zu niedrigeren Preisen als Intel angeboten. Dennoch konnte der kleine Rivale diese aber nur in geringem Umfang an PC-Hersteller weltweit verkaufen. Nach Ansicht von AMD sind Hersteller und zahlreiche große PC-Händler bis heute mit Knebelverträgen an Intel gebunden: Verwendeten diese in einem Teil ihrer Produkte AMD-Chips, verlören sie alle Intel-Rabatte.

„Intel muss nun der FTC antworten, welche Folgen die Vertriebspraktiken für die Konsumenten und die Branche haben. In allen Ländern weltweit, in denen Intels Verhalten untersucht worden ist, haben sich die Wettbewerbshüter entschieden, dagegen vorzugehen“, sagte Tom McCoy, Chefjustiziar von AMD.

Erst vergangene Woche hatte die Wettbewerbsbehörde in Südkorea Intel zu einer Millionenstrafe verurteilt und den Konzern verpflichtet, seine Vertriebspraktiken zu ändern. Schon drei Jahre zuvor hatten die Kartellwächter in Japan den Chiphersteller der gleichen, unzulässigen Vertriebsmethode für schuldig befunden.

Intel reagierte in allen Fällen mit Unverständnis. Er sei „perplex“ über das Urteil in Südkorea, sagte Aufsichtsratschef Craig Barrett am Wochenende: „Wir haben Schwierigkeiten, die Entscheidung aus Südkorea zu verstehen.“ Intel-Justiziar Bruce Sewell warf den Wettbewerbshütern sogar vor, sie hätten entlastende Tatsachen bewusst nicht zu Kenntnis genommen.

In Europa untersucht die EU-Kommission Intels Verhalten seit 2001 in nunmehr zwei parallelen Verfahren. Hier droht dem Konzern eine Höchststrafe von 2,6 Mrd. Euro. Nach Erkenntnissen der Ermittler hat der Chiphersteller in Deutschland, England und Frankreich auch PC-Händler in sein System eingebunden. Hierzu zählen Dixons, Carrefour sowie Media Markt und Saturn.

Der FTD liegen zahlreiche Dokumente und Zeugenaussagen vor, die einen exklusiven Vertrag mit der Media-Saturn-Holding (MSH) belegen. Danach darf Europas größter Elektronikhändler keine PC mit AMD-Prozessoren anbieten. Im Gegenzug erhält MSH sogenannte Werbekostenzuschüsse in Millionenhöhe. Allein im vergangenen Jahr sollen es mehr als 85 Mio. Euro gewesen sein. Die EU-Kommission prüft deshalb, eines der beiden Verfahren auf die Händler auszuweiten.

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