30.05.2008 / FTD      

Telekommunikation

Konzernsicherheit außer Kontrolle

Telekom-Abteilung agierte weitgehend unbeaufsichtigt · Protokolldaten verschwunden · Keine schriftlichen Verträge

von Volker Müller, Matthias Ruch und Kristina Spiller

"Ein Loch. Die Konzernsicherheit ist ein riesiges schwarzes Loch“, sagt ein ehemaliger Spitzenmanager der Deutschen Telekom. Was die Abteilung mit ihren 360 Mitarbeitern, verteilt über die ganze Republik, wirklich tut, wissen selbst langjährige Konzernmitarbeiter nicht präzise. Die Abteilung, so beschreibt es der Ex-Manager, ist ein Staat im Staate " geheimnisumwittert, unkontrollierbar und nur dem Vorstandsvorsitzenden direkt verantwortlich.

Offiziell kümmern sich die Telekom-Experten um Gebäudesicherheit, Zugangskontrollen, Schutz vor Angriffen von außen auf die Infrastruktur, Computersicherheit, den Personenschutz oder Betrugsversuche durch Geschäftspartner. Tatsächlich forschen sie ebenso nach internen Missständen, suchen Mitarbeiter, die sich bereichern " oder vertrauliche Dokumente und Informationen an Außenstehende weitergeben.

Nicht ungewöhnlich in Deutschland. Jedes größere Unternehmen verfügt über eine eigene Sicherheitstruppe, darunter ausnahmslos alle Dax-Konzerne. Sie werten auch Telefonverbindungen aus: Wer hat wann dienstlich und wann privat telefoniert. Das sei schon für die Gehaltsabrechnung erforderlich. Das Ausspionieren eigener Mitarbeiter ist allerdings nicht ihr Geschäft, behaupten die Firmen unisono: „Wir würden nie auf die Idee kommen, Personen zu überwachen“, sagt ein Sprecher des Energiekonzerns Eon. Würde ein Mitarbeiter von illegalen Handlungen erfahren, sei er aufgefordert, sich bei einer speziellen Stelle intern zu melden.

Die Telekom-Sicherheitsabteilung hatte jedoch weitgehende Freiräume. Oder nahm sich diese. Klaus T., Leiter einer kleinen Abteilung innerhalb der Konzernsicherheit, soll Informationen „eher mit geheimdienstlichen Mitteln als auf dem typischen Weg der Konzernsicherheit“ beschafft haben, berichtet ein Mitarbeiter: „Er hat Informationen erhalten, die man so nicht einfach bekommt“, heißt es im Konzernumfeld.

2005 und 2006 gelangen Hunderttausende Verbindungsdaten nach außen. Der Datenspezialist Network Deutschland soll sie untersuchen auf verdächtige Verbindungen zwischen Telekom-Aufsichtsräten und Journalisten. Eine interne Auswertung der Daten wäre aufgefallen, erklären IT-Experten. Protokolldaten aber, wer wann in welchem Umfang auf die Verbindungsdaten der eigenen Manager und Aufsichtsräte zugegriffen und diese kopiert hat, sind offenbar verschwunden. Der Staatsanwaltschaft in Bonn, so heißt es, habe die Telekom keine entsprechenden Daten übergeben können.

Das Geschäft mit Network Deutschland des Computerspezialisten Ralph Kühn war gut getarnt. Einen schriftlichen Vertrag mit dem Datenauswerter gab es nicht. Und die Auftragshöhe fiel mit etwa 400 000 Euro in das Rahmenbudget der Sicherheitsabteilung. Harald Steininger, damals Abteilungschef, konnte die Summe ohne Rücksprache oder zusätzliche Kontrollen bewilligen.

Lange Zeit fiel die Verantwortung in den Geschäftsbereich des Personalvorstands. Das änderte sich mit dem Wechsel an der Konzernspitze Ende 2006. Auf seiner Sitzung Anfang Dezember des Jahres übertrug der Aufsichtsrat die Zuständigkeit an Konzernchef René Obermann. „Eigentümlich“, sagt ein weiterer Ex-Manager: „Das Management hatte damals alle Hände voll zu tun: das Mautsystem, die Integration von T-Online, der Kundenverlust, die verschärfte Regulierung durch das Telekomgesetz.“

Immerhin: Steininger unkonventionelle Ermittlungen wurden im Sommer 2007 ruchbar " und Obermann handelte. Mitte August ließ der Konzernchef den Gerüchten nachgehen, wenig später unterschrieb Steininger einen Aufhebungsvertrag. Einen Nachfolger fand Obermann in Christian Bender allerdings erst einige Monate später. Der Sonderbeauftragte des Konzerns für Sicherheit, Reinhard Rupprecht, einstiger Vizechef des Bundeskriminalamts, trat seinen Posten sogar erst zu Jahresbeginn 2008 an. Er soll endgültig für Sauberkeit sorgen.

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