29.04.2008 / FTD      

Telekommunikation

Ich bin dran!

Eckhard Spoerr hat wieder einmal gewonnen: Freenet kauft Debitel – und nicht umgekehrt. Die Konsolidierung der Mobilfunkprovider erreicht ihren Höhepunkt. Doch Deutschlands neuer Nummer drei stehen stürmische Monate bevor

von Volker Müller

Ralph Dommermuth ist abgetaucht. Kein Wort ist vom Gründer, Großaktionär und Vorstandschef von United Internet (UI) mehr zu hören, keine Zeile zu lesen. Wochenlang hat er um den Mobilfunk- und DSL-Anbieter Freenet gekämpft, sich eine öffentliche Briefeschlacht mit Freenet-Chef Eckhard Spoerr geliefert " und am Sonntag verloren. Denn nun kauft Freenet den ungleich größeren Wettbewerber Debitel, statt sich von United Internet selbst übernehmen und zerschlagen zu lassen. Seither schweigt Dommermuth. Und Spoerr triumphiert.

„Ein Meilenstein“ sei die Übernahme von Debitel, schwärmt der 40-jährige Schwabe. Freenet trete nun als Wiederverkäufer den Netzbetreibern auf Augenhöhe gegenüber.

Spoerr hat es geschafft. Wieder einmal. Er hat nicht nur Freenet vor der Zerschlagung und dem Untergang bewahrt. Er hat auch seinen eigenen Kopf gerettet, bleibt Vorstandschef. Selbst eine Anklage wegen Insiderhandels, die die Staatsanwaltschaft Hamburg vergangene Woche erhob, ändert nichts daran. Debitel-Chef Oliver Steil, der zuletzt die besseren Geschäftszahlen vorlegen konnte, muss sich mit der Rolle des Vertriebs- und Marketingvorstands begnügen.

Mit der Übernahme Debitels durch den kaum halb so großen Wettbewerber Freenet entsteht ein neues Schwergewicht im deutschen Mobilfunkmarkt. Das Unternehmen schiebt sich mit 19 Millionen Kunden und knapp 5 Mrd. Euro Jahresumsatz auf Platz drei der Branche " hinter T-Mobile und Vodafone, noch vor E-Plus und O2. „Das lässt eine langfristig erfolgreiche Entwicklung zu“, glaubt Spoerr.

Die Konsolidierung der Mobilfunkprovider, die über kein eigenes Netz verfügen, hat damit ihren Höhepunkt erreicht. Bereits im Juni 2007 hatte sich Debitel den Rivalen Talkline mit dessen Tochter Callmobile einverleibt und die Handelskette Dug gekauft. Übrig bleibt nur noch der hessische Provider Drillisch " mit rund 2,2 Millionen Kunden eher eine Randerscheinung im Markt.

Gemeinsam mit Dommermuth hatte Drillisch-Chef Paschalis Choulidis lange versucht, Freenet zu übernehmen und aufzuspalten: UI hätte die DSL-Sparte einschließlich des Webhosters Strato erhalten, der unter der Marke Mobilcom geführte Mobilfunk wäre mit Drillisch vermählt worden. Druckmittel dafür sollte eine Beteiligung von etwas mehr als 25 Prozent an Freenet sein, die beide in dem Gemeinschaftsunternehmen MSP halten.

Doch dieser Versuch scheiterte auf den letzten Metern. Bis 17 Uhr hatte der Freenet-Aufsichtsrat am Sonntag Dommermuth eine Frist eingeräumt, ein ordentliches Übernahmeangebot für Freenet abzugeben oder zumindest eine faktische Kontrolle in Höhe von 30 Prozent der Anteile nachzuweisen. Beides blieb aus. „Alle Briefe, alle nebulösen Angebote der vergangenen Tage und Wochen waren nur der verzweifelte Versuch, Zeit zu schinden“, sagt ein Freenet-Aufsichtsrat. „Es war ohne Substanz.“

UI und Drillisch wurde das Aktienrecht zum Verhängnis. Ihr Beteiligungsvehikel hatte zuletzt Freenet-Aktien zum Preis von 17,33 Euro pro Stück erworben. Damit hätten beide als Großaktionär bei einem regulären Übernahmeangebot den anderen Aktionären ebenfalls diesen Preis bieten müssen. Ein teures Vergnügen: Am Freitag notierte die Freenet-Aktie bei 11,26 Euro. Erst sechs Monate nach dem letzten Anteilskauf wäre MSP frei gewesen, einen niedrigen Preis anzubieten.

„Dommermuth musste auf Zeit spielen. Ein offizielles Angebot konnte sich MSP nicht leisten“, sagt ein anderer Freenet-Aufsichtsrat. Selbst die vagen Offerten seien an Bedingungen geknüpft gewesen. So sollte Freenet erst seine Webhosting-Tochter Strato an UI verkaufen, ehe ein Übernahmeangebot erfolgen könne. Oder: Freenet sollte erst sein Mobilfunkgeschäft an Drillisch veräußern. Oder: Freenet möge erst die Unterlagen für eine Buchprüfung auf den neuesten Stand bringen. Der Freenet-Aufsichtsrat wies all diese Auflagen entschieden zurück.

Nun hat Spoerr gewonnen. Freenet überlebt, doch der Preis dafür ist hoch. Schließlich übernimmt das Unternehmen nicht nur sämtliche Schulden der Debitel-Gruppe, sondern beteiligt den bisherigen Debitel-Eigner Permira mit 24,99 Prozent am neuen Konzern und nimmt zugleich noch ein Verkäuferdarlehen in Anspruch. All dies summiert sich auf zusätzliche Belastungen von 1,63 Mrd.Euro. Das entsprecht dem 6,4-fachen des für 2008 erwarteten Betriebsgewinns von Freenet.

Gegenüber den kreditgebenden Banken hat sich Freenet verpflichtet, wenigstens 400 Mio. Euro binnen fünf Jahren zurückzuzahlen. Für Tilgung und Zinsen auf die Kreditsumme von etwa 1,27 Mrd.Euro müsse der Provider jährlich 200 Mio.Euro aufwenden, hieß es intern. Wollte Freenet gar die gesamten Schulden in fünf Jahren abtragen, stiege die jährliche Belastung auf 360 Mio.Euro. Es wäre ein beispielloser Kraftakt.

In jedem Fall ist die Dividende der Freenet-Aktionäre für 2007 bereits gestrichen: In der Kasse ist kein Geld mehr.

Etwas Linderung bringen soll der Verkauf des Internetzugangsgeschäfts von Freenet. Diesen kündigte das Unternehmen gestern inoffiziell an. „Analysten taxieren den Wert auf 400 bis 600 Mio.Euro“, sagte Spoerr gestern. Damit gestand der Manager das eigene Scheitern im DSL-Markt ein.

Trotz der Übernahme des DSL-Geschäfts von Tiscali hatte Freenet seinen Marktanteil nur mühsam bei etwa sieben Prozent halten können " zu wenig, um dauerhaft neben der Telekom, Arcor, Versatel und United Internet bestehen zu können.

Mögliche Bieter für das Geschäft mit zuletzt 272 Mio.Euro Jahresumsatz sind Telefónica, Versatel " und United Internet.

Weitere 50 Mio. Euro glauben die Manager durch eine straffere Führung, schlankere Prozesse und den gemeinsamen Einkauf künftig pro Jahr einsparen zu können. Die Mitarbeiter, Betriebsräte und Gewerkschaften fürchten bereits Schlimmes: Massenentlassungen. Denn mit insgesamt 7500 Beschäftigten hat Freenet einen extrem großen Personalbestand. Der etwas kleinere Rivale E-Plus betreibt sein Geschäft mit nur 2200 Mitarbeitern. Vorbild für Freenet könnte das Restrukturierungsprogramm „Tristar“ sein, das Debitel-Chef Steil nach der Übernahme von Talkline und Dug angeschoben hatte. Zwar verzichtete Debitel darauf, Standorte zu schließen. Der Abbau von Doppelarbeit kostete am Ende jedoch 400 Mitarbeiter den Job.


„Die Übernahme bringt vor allem Unsicherheit für die Arbeitsplätze“, sagt Kai Petersen, Chef der für Freenet zuständigen IG Metall in Rendsburg. „Denn alle zentralen Funktionen, Bereiche und Strukturen sind nun doppelt im Konzern vorhanden: vom Einkauf über das Rechnungswesen bis hin zu IT.“ Carsten Hügin, oberster Betriebsrat der Debitel-Gruppe, hat bereits die baden-württembergische Landesregierung alarmiert: „Eine Übernahme wird aus unserer Sicht mit dem ganz klaren Ziel der Hebung von Synergieeffekten verfolgt. Dies könnte eine akute Bedrohung von Arbeitsplätzen und Standorten bedeuten.“

Die Konsolidierung der Branche hatten Experten lange erwartet. Seit Billiganbieter wie Simyo oder Blau den Markt aufmischen, sind die Tarife im Mobilfunk deutlich gefallen. Seit Mitte 2005 sanken die Minutenpreise nach Angaben des Statistischen Bundesamts um etwa 15 Prozent. Und mit ihnen sind die Margen der Anbieter kräftig unter Druck geraten. Die Serviceprovider leiden ganz besonders: 1995 hatten sie noch einen Marktanteil von 60 Prozent, heute ist gerade noch jeder vierte Handynutzer Kunde eines Providers " mit fallender Tendenz. Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikation an der Uni Duisburg, bezeichnet Serviceprovider daher als „auslaufendes Geschäftsmodell“.

Die Lage der Provider ist wenig komfortabel: Ihre Marken sind schwach, die Margen niedrig, kaum ein Kunde versteht den Geschäftszweck, den Netzbetreibern bieten sie keinen Mehrwert. Und so wird der Wettbewerb in der Branche von Monat zu Monat härter: „Die Netzbetreiber gründen immer mehr Tochtermarken für spezielle Zielgruppen. Die Lücken für Provider, sich zu profilieren, werden immer enger“, sagt Dan Bieler vom Marktforscher IDC.

Für Permira sei der Verkauf von Debitel an Freenet ein Glücksfall, urteilen Analysten. Zu lange schon war der Finanzinvestor an dem Provider beteiligt. Er hatte ihn im Jahr 2004 für rund 640 Mio. Euro von der Swisscom erworben und von der Börse genommen. Nach zahlreichen Strategiefehlern stand das Unternehmen aber am Ende deutlich schlechter da. Erst harte Korrekturen durch Oliver Steil und seinen Vorgänger Axel Rückert brachten das Stuttgarter Unternehmen wieder auf Kurs.

Der Versuch jedoch, Debitel wieder an die Börse zu bringen, erstickte im Keim. Vorsichtige Kontakte zu Analysten und Investoren zeigten nur eines: Desinteresse.

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