20.03.2008 / FTD      

Internet/Neue Medien

Bekannte Marke, nichts dahinter

Googles Mail-Dienst darf in Deutschland nicht Gmail heißen. Das verhindert Kleinunternehmer Giersch. Er wartet auf ein Millionen-angebot des US-Konzerns

von Volker Müller und Jennifer Lachman

Als Zarin Katharina II. im Jahr 1787 von Cherson nach Sewastopol auf der Krimhalbinsel reiste, hatte Generalgouverneur Grigori Potjomkin alles perfekt vorbereitet: Herausgeputzte Dörfer säumten die Wegstrecke " gemalt auf Holzwände. Der wahre Charakter der Gegend sollte der Zarin verborgen bleiben. Das Firmengeflecht von Daniel Giersch, vom NDR-Fernsehen jüngst zum „erfolgreichen Internet-Millionär“ erkoren, lässt ähnliche Kulissen vermuten.

Der 33-Jährige aus dem holsteinischen Itzehoe liegt seit Jahren mit dem Internetgiganten Google im Clinch. Beide wollen die Internet-Adresse gmail.de für sich nutzen. Google, um seinen weltweiten E-Mail-Dienst auch in einer deutschen Version anzubieten, Giersch, um eine Kombiversion aus Briefpost und elektronischen Mitteilungen zu etablieren. Einziger Makel: Giersch doktert an dem Geschäftsmodell seit acht Jahren herum " ohne erkennbares Ergebnis.

Etwa 250 000 $ hatte Google dem Kleinunternehmer daher einst geboten, um seine Rechte abzutreten " mit drei Tagen Bedenkzeit und einer perfiden Bedingung: Der Betrag schmilzt mit jedem Tag Bedenkzeit um ein Drittel ab. Giersch lehnte ab. Eine Analyse durch britische Experten hätte einen Markenwert der Website von etwa 35 Mio. £ ergeben. So wählte er vielmehr den Rechtsweg. Mit Erfolg.

Deutsche Gerichte wie auch das Europäische Markenamt im spanischen Alicante haben Giersch recht gegeben: Google kann in Deutschland die Marke Gmail nicht für sich beanspruchen. Denn für die Juristen spielt es keine Rolle, ob Giersch tatsächlich einen E-Mail-Dienst betreibt oder nicht: Er hatte sich die Marke bereits im Jahr 2000 beim Markenamt gesichert. Der Vorwurf, er habe sich in böser Absicht gmail.de gesichert, verfängt bei ihm nicht " er war Google vier Jahre zuvorgekommen.

Die 250 000 Euro dürften aber auch kaum ausreichen, den Schuldenberg der Gesellschaft P1 Privat, die hinter gmail.de steht, zu decken: Bereits zu Beginn des Jahres 2007 hatte der angebliche Kurierdienst P1 mehr als 326 000 Euro Verbindlichkeiten " ganz ohne aktiven Geschäftsbetrieb. In der Kasse und auf Bankkonten ruhten kümmerliche 1600 Euro.

Dabei kennt sich Giersch mit Kurierdiensten aus. 1994 hatte er in Itzehoe einen lokalen Post-Konkurrenten gegründet, diesen aber später an einen seiner Fahrradkuriere verkauft. Dagegen ist P1 eine Phantom-Firma. Ein gleichnamiger geschlossener Investmentfonds, der im Mai 2006 zugunsten P1 aufgelegt worden war, gestand im Verkaufsprospekt freimütig ein: „Bei der ... Vermögensanlage handelt es sich um einen ... Blindpool, da zum Zeitpunkt der Prospekterstellung noch nicht feststeht, in welche konkreten Anlageobjekte die P1 Privat investieren wird.“

Im Internet präsentiert sich Giersch gerne als multinationaler Investor mit seiner Firma Giersch Ventures. Was das Unternehmen aus Bel Air bei Los Angeles tatsächlich macht, welche Ziele es verfolgt oder wo es investiert ist, bleibt im Dunkeln. Zweifel an seiner Seriosität lassen Giersch, verheiratet mit einer Darstellerin der Teenie-TV-Serie „Beverly Hills 90210“, kalt: „Wir starten bei P1 demnächst“, sagte er vor wenigen Tagen Freunden. Wie schon in den vergangenen acht Jahren zuvor.

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