09.01.2008 / FTD      

Informationstechnik

Intel wehrt sich gegen Verdacht des Machtmissbrauchs

US-Chipkonzern reicht umfangreiche Verteidigungsschrift bei EU-Kommission ein · Neue Prozessorfamilie für Unterhaltungselektronik

von Volker Müller und Reinhard Hönighaus

Der Chipkonzern Intel hat Vorwürfe des Missbrauchs seiner Marktmacht zurückgewiesen. Der Branchenprimus reichte am Montag seine mehrere hundert Seiten umfassende Verteidigungsschrift bei der EU-Kommission ein " nachdem die Kommission als oberster EU-Kartellwächter die Antwortfrist zweimal verlängert hatte. Beide Seiten lehnten einen Kommentar ab.

Für Intel steht in dem Verfahren die eigene Zukunft auf dem Spiel. Die EU-Kommission wirft dem US-Konzern vor, seinen weltweiten Marktanteil von etwa 80 Prozent zu missbrauchen, um Rivalen wie AMD aus dem Geschäft zu drängen. Sollte die Kommission bei ihrer Position bleiben, droht Intel eine Geldstrafe bis zur Höhe von zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Zudem könnte Brüssel den Konzern zwingen, seine Verkaufsmethoden zu ändern und die Beziehungen zu PC-Herstellern und Händlern zu ändern.

Nach fast siebenjährigen Ermittlungen hatte die Kommission im Juli ein formales Verfahren eröffnet. Allein das kommt nach Ansicht von Kartellrechtlern einem Schuldspruch gleich: Noch nie endete ein förmliches Verfahren dieser Größenordnung mit einem Freispruch für den Beschuldigten. „Allein mit der Übermittlung der Vorwürfe legen sich die EU-Markthüter erst einmal fest“, sagte Joachim Schütze, Kartellrechtler der Kanzlei Clifford Chance jüngst der FTD. Waren die Vorermittlungen noch ergebnisoffen, ist es das förmliche Verfahren nicht mehr. Dies, darin sind sich die Juristen einig, habe vorverurteilende Wirkung: „Mit Aufnahme des förmlichen Verfahrens drücken die Wettbewerbshüter aus, wie sie die Sachlage derzeit einschätzen“, sagte Schütze.

Die Vorwürfe haben es in sich: Durch spezielle Rabattprogramme und Werbezuschüsse, Lieferprivilegien und Technologiepartnerschaften habe Intel PC-Hersteller und Händler genötigt, auf den Einsatz von AMD-Prozessoren zu verzichten " obwohl diese nach Expertenmeinung oft günstiger, leistungsfähiger und stromsparender sind. Prominentes Beispiel: Die marktführenden Elektronikhändler Saturn und Media Markt weigern sich bis heute, PC mit AMD-Prozessoren zu verkaufen.

Unterdessen stellte Intel auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas mit dem „Canmore“ einen neuen Prozessor vor, der speziell für Unterhaltungsgeräte wie Mediaplayer, Settop-Boxen oder Fernseher konzipiert ist. Damit will der US-Chipkonzern erneut in den stark wachsenden Markt der Unterhaltungselektronik vorstoßen. In einem zweiten Anlauf will Intel auch auf den Mobilfunkmarkt vordringen. Die dafür gedachte „Menlow“-Familie soll noch in der ersten Jahreshälfte 2008 auf den Markt kommen, „Canmore“ im zweiten Halbjahr.

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