09.01.2008 / FTD      

Telekommunikation

Versuch einer Wiederbelebung

Sind Topkonzerne für 2008 gerüstet? Die FTD nimmt Spitzenmanager in den Fokus, auf die besonders schwere Aufgaben warten. Beim Mobilfunk-Pionier Motorola findet der neue Chef Greg Brown eine desolate Situation vor

von Volker Müller

Langweilige Handys, ideenlose Entwickler, fehlende Onlinedienste und eine längst überholte Firmenstruktur " Greg Brown ist in seiner neuen Position als Vorstandschef von Motorola nicht zu beneiden: Es ist wohl der härteste Job, den derzeit ein Mobiltelefon-Hersteller weltweit zu vergeben hat. Denn Motorola, so fürchten US-Medien bereits, sei den dramatischen Umwälzungen der Mobilfunkbranche nahezu schutzlos ausgeliefert.

Der Geschäftsverlauf des US-Konzerns glich zuletzt dem eines musikalischen „One-Hit-Wonders“: Einem fulminanten Aufstieg vor drei Jahren folgt ein bodenloser Absturz. Seit das Klapphandy Razr wieder zum Alteisen zählt, hat sich der globale Marktanteil der Amerikaner fast halbiert. Zuletzt zählte Strategy Analytics nur noch einen Anteil von 13,1 Prozent, Ende 2006 waren es noch 23,3 Prozent. Selbst Samsung verkauft inzwischen mehr Telefone " und Sony Ericsson rückt verdächtig nahe.

Motorola könne nur noch über das Design verkaufen, behaupten Branchenbeobachter. Technisch spiele der US-Hersteller mit seiner vergleichsweise schmalen Produktpalette nicht mehr an vorderster Front " im Gegensatz zu früheren Jahren. Bestes Beispiel: Auslaufmodelle wie das einst als Razr-Nachfolger gedachte Krazr werden notdürftig in Gold gehüllt, um die Verkaufszahlen wieder zu beleben.

Es wird kaum reichen. Mobiltelefone mutieren derzeit zu Alleskönnern, die den MP3-Spieler und die Digitalkamera ersetzen " und neuerdings sogar das Navigationssystem. Während sich Samsung und LG einen Wettlauf um die höchste Kameraauflösung liefern, stellt Nokia reihenweise Geräte mit Peilempfänger vor. Und Apple demonstriert, wie die Bedienung von Handys künftig aussehen wird: über große, berührungsempfindliche Bildschirme.

Auf allen Feldern droht Motorola ins Hintertreffen zu geraten. Eigene Akzente? Fehlanzeige: „Motorola ist heute eine blasse Version dessen, was das Unternehmen noch vor einem Jahr war“, urteilt Carolina Milanesi vom Marktforscher Gartner.

Umso ärgerlicher, dass sich nach Einschätzung von Experten die Vermarktung von Telefonen ändern wird. Der Anteil subventionierter, werbewirksam für nur 1 Euro angebotener Handys wird sinken, der getrennte Verkauf von Mobilfunkverträgen und Telefonen zu tatsächlichen Preisen steigen. Die Trennung ist für den Kunden im Regelfall günstiger, sie bringt aber Hersteller in Bedrängnis, die auf dem modisch schnelllebigen Markt kein attraktives Portfolio besitzen.

Gerät Motorola schon bei den Telefonen ins Hintertreffen, sind die Amerikaner bei Onlinediensten vollends auf der Verliererstraße: Sie haben keine zu bieten. In ihnen liegt hingegen die Zukunft. Branchenprimus Nokia erklärt sich inzwischen bereits zur Internetfirma: „Wir sind ein Dienstleister und werden noch einiges Know-how hinzukaufen“, sagt Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo.

Musik, Videos, Navigation, Spiele " überall mischen die Finnen mit ihrem Onlineportal „Ovi“ mit. Dafür war der Konzern jüngst massiv auf Einkaufstour, um sich aus der Abhängigkeit des Hardware-Geschäfts zu befreien. So hat Nokia bereits erste Geräte angekündigt, die kostenlosen Zugriff auf das Repertoire des Musikgiganten Universal bieten.

Motorola hat dem wenig entgegenzusetzen. Noch immer ficht der Konzern Schlachten der Vergangenheit: Er ist der letzte Hersteller, der neben Handys auch Funktürme herstellt. Nokia oder Ericsson haben beide Geschäfte längst getrennt und in Partnerschaften eingebracht. Nur Motorola kämpft verbissen allein gegen Nokia-Siemens oder Alcatel-Lucent " und steht ähnlich schlecht da wie der Wettbewerber Nortel. Beide sind, so fürchten Analysten, zu klein für den globalen Wettbewerb, etwa mit den chinesischen Billigheimern Huawei und ZTE. Großaktionäre wie der US-Investor Carl Icahn fordern seit Langem die Aufspaltung des Konzerns.

Greg Browns Agenda ist dick wie ein Telefonbuch. Sein Team ist dagegen schlanker geworden: Mike Zafirovski, Vorstand für das Tagesgeschäft, ging zu Nortel, Handychef Ron Garriques floh zu PC-Bauer Dell. Fast die Hälfte der Führungskräfte der Handysparte wurden in den vergangenen Monaten ausgetauscht. Nicht einmal einen Vertrauensvorschuss bekam Brown. US-Investor Carl Icahn, der die Aufspaltung Motorolas fordert, lästerte zum Amtsantritt am 1. Januar: „Dieser Führungswechsel ist nicht einmal der Beginn einer Problemlösung.“

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