16.03.2007 / FTD      

Internet/Neue Medien

Bitkom stoppt Sicherheitsinitiative

Konzerne finanzieren Mittelstands-Cert nicht mehr · Wechsel zu Microsoft-Projekt

von Volker Müller

Der Versuch der IT-Industrie, den Mittelstand vor Hackerangriffen und Computerviren zu schützen, ist gescheitert. Weil große Konzerne als Finanziers aussteigen, wird der Branchenverband Bitkom sein Mittelstands-Cert (Mcert) nach FTD-Informationen bis Ende Juni abwickeln. Mit dem Schritt ist auch die Existenz des Bürger-Certs, eines Warnzentrums für private PC-Nutzer, gefährdet. Dieses ist Bestandteil des nationalen IT-Notfallplans der Bundesregierung und wird gemeinsam von Mcert und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geführt.

Die beiden Certs (Computer Emergency Response Team) sollten Kleinunternehmen und Verbrauchern helfen, sich vor Attacken aus dem Internet zu schützen. Bislang hatten namhafte IT-Konzerne das 2003 gegründete Mcert maßgeblich finanziert " unter ihnen der PC-Hersteller Fujitsu-Siemens und die Softwarehäuser SAP sowie Computer Associates. Geplant war, dass neben weitgehend gebührenfreien Basisangeboten der Verkauf von Sicherheitsdiensten zunehmen und die Erlöse die dauerhafte Finanzierung des Mcerts sichern könnte.

Diese Hoffnung hat sich jedoch nicht erfüllt: Die Konzerne schätzten die Chancen als gering ein, diese Schieflage noch zu beheben, erfuhr die FTD. „Der Mittelstand hat kein erkennbares Interesse, in die eigene Sicherheit zu investieren“, urteilte zuletzt sogar der Bitkom intern.

Die Sponsoren des Mcert schwenken nun zu der ähnlichen Initiative „Deutschland sicher im Netz“ (DSIN) um. Diese war 2004 vom Softwarekonzern Microsoft gegründet worden, wird nun aber gemeinsam mit SAP, der Deutschen Telekom, dem Bitkom sowie einigen kleineren Unternehmen und Verbänden geführt.

Dieser Schwenk kommt selbst für Fachleute überraschend: DSIN ist seit etwa einem Jahr faktisch nicht mehr aktiv, die Nachrichten auf der Website der Initiative sind zum Teil Jahre alt. Selbst Industrievertreter halten es für notwendig, „völlig neu zu starten“.

Davon ist bislang wenig zu sehen. Zwar war Bitkom-Vize Heinz-Paul Bonn im Dezember zum Vorstandschef bestimmt worden. Ansonsten fehlen der Initiative aber sämtliche Strukturen: weder Konzept noch Aktionsplan sind bislang verabschiedet, ein Etat ist nicht genehmigt, ein Geschäftsführer noch nicht eingestellt.

Die Industriepartner haben Bonn nun aufgefordert, rasch für Fortschritte zu sorgen. Ihre ungeteilte Unterstützung genießt er jedoch nicht mehr: Hinter den Kulissen wird bereits an seiner Abwahl gearbeitet.

Ein BSI-Sprecher sagte, seine Behörde prüfe nun, ob das Bürger-Cert ohne Beteiligung der Industrie fortgeführt werden könne. Das Cert war nach quälend langen Vorbereitungen erst im März vergangenen Jahres gestartet worden.

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