02.02.2006 / FTD      

Gesundheit

Champagner light

Privatpatienten bescheren Chefärzten satte Gewinne. Angesichts leerer Kassen versuchen Kliniken, durch neue Verträge vom Erfolg ihrer Top-Mediziner zu profitieren.

von Sonia Shinde

Elmar Keller hatte alles richtig gemacht: Verluste gesenkt, Gewinne eingefahren und das System auf Effizienz getrimmt. Seinen Job wurde der frühere Verwaltungschef des Leipziger Universitätskrankenhauses trotzdem los. Der Grund: Er hatte zu viele Pfründen beschnitten und war damit zu vielen leitenden "rzten auf die Füße getreten. Denn unter anderem strukturierte Keller die Chefarztvergütung neu. Statt Grundgehalt plus lukrativer Nebeneinkünfte durch Privatpatienten gab es ein Fixum plus Ergebnisbeteiligung. Das Recht, für die Behandlung von Privatpatienten direkt mit den Krankenkassen abzurechnen, die so genannte Privatliquidation, wurde abgeschafft. Ein Drittel der Chefärzte schloss mit Keller neue Verträge, andere sägten an seinem Stuhl. „Es ist eine gewaltige Fehlsteuerung von Ressourcen, wenn sich Chefärzte vorrangig um Privatpatienten kümmern und dafür ihr Hauptgeschäft, die große Zahl der gesetzlich Versicherten, vernachlässigen", kritisiert der heutige Ostdeutschland-Chef des privaten Krankenhausunternehmens Rhön. "Da geht es nicht um Ethik, sondern um Monetik“

Mit seinem Vergütungsmodell lag Keller im Trend: Vor dem Hintergrund des zunehmenden Wettbewerbs und knapper Kassen im Zeitalter der Fallpauschalen haben deutsche Kliniken damit begonnen, mit ihren Chefärzten neue Verträge auszuhandeln. Diese enthalten im Kern zwar ein höheres Grundgehalt, dafür aber erfolgsabhängige Zusatzleistungen. Ziel ist es, durch Leistungsanreize die Erlöse der Kliniken zu verbessern " zu Lasten der Chefarzt-Einkünfte.

Noch allerdings sind diese neuen Verträge keine gängige Praxis. Zwar werden die meisten Chefärzte in Deutschland laut der aktuellen Vergütungsstudie der Unternehmensberatung Kienbaum auf der Basis des Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) bezahlt, doch über die lukrativen Nebenverdienste schweigen sich Kliniken und "rzte gern aus. Der errechnete Durchschnittswert von 278 000 Euro an Gesamteinkünften pro Jahr lässt viel Raum für Spekulationen, denn die Bandbreite schwankt zwischen 90 000 Euro und fast 500 00 Euro.

Vor allem das so genannte Liquidationsrecht sichert den Chefs lukrative Nebeneinkünfte. Bei immer mehr Privatpatienten, Zusatzversicherten und privat zu bezahlenden Leistungen legen die Chefs selbst Hand an " zumindest in der Theorie. In der Praxis dagegen müssen meistens die Oberärzte ran. Dafür erhalten sie im besten Fall ein kleines Stück vom Honorarkuchen, sonst gehen sie leer aus.

„Die meisten Kliniken wissen gar nicht, wen ihre Chefärzte behandeln und wie viel sie daran verdienen“, sagt Henning Schneider, Rechtsanwalt bei Latham & Watkins in Hamburg, einer Kanzlei, die Klinikprivatisierungen begleitet. Das Krankenhaus bekommt nur eine Art Anteilsvergütung. Der Profit für die Chefärzte kann sich sehen lassen: „300 000 bis 400 000 Euro zusätzlich pro Jahr sind da schon drin, in Einzelfällen bis zu 1 Mio. Euro“, so die Erfahrung des Anwalts.

Vor dem Hintergrund leerer Kassen scheinen diese Zeiten bald vorbei zu sein. Im Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) beispielsweise erhält jeder neue Chefarzt seit 2004 ein Fixgehalt in Höhe von 100 000 Euro plus 10 000 bis 30 000 Euro Leistungsvergütung. Bei Privatliquidationen bekommen die Chefärzte bis zu 30 Prozent der Erlöse, dieselbe Summe geht noch einmal an die Oberärzte, den Rest behält das UKE. Abgerechnet wird über die Klinik. Möglich wurde dieses neue Vergütungsmodell vor allem durch einen Generationswechsel in der Chefarztetage, sagt der "rztliche Direktor des UKE, Jörg Debatin. „Das neue System sorgt für mehr Gerechtigkeit, sonst wandern die Oberärzte irgendwann nach Dubai aus.“

In den neuen Chefarztverträgen des privaten Klinikbetreibers Helios gibt es neben dem Grundgehalt eine erfolgsabhängige Variable. Andere Krankenhäuser entwickeln ein ausgeklügeltes System aus Fixgehalt und Zielvereinbarungen: „Es ist durchaus möglich, Bonuszahlungen zum Beispiel an die Behandlung einer Mindestanzahl von Privatpatienten oder die Zertifizierung einer Abteilung zu knüpfen“, sagt Peter Herrendorf, Partner bei der Unternehmensberatung Ray & Berndtson. Bundesweit darf nur noch jeder zweite Chefarzt mit einem Vertrag, der jünger ist als drei Jahre, privat liquidieren, so die Kienbaum-Studie.

Seit zudem immer öfter private Krankenhausträger die Kliniken in Kommunen übernehmen, geraten auch die Chefärzte unter Druck. Denn die teilweise börsennotierten Unternehmen haben konzernintern einen schnelleren Zugriff auf Ersatz-Chefs, wenn die neuen Haustarifverträge mit Kündigungsschreiben gekontert werden. „Ein Landrat mit einem 300-Betten-Haus auf der grünen Wiese hat da schlechtere Karten“, sagt Anwalt Schneider. Ist der renommierte Doktor fort, verflüchtigt sich oft die Reputation. Doch auch die privaten Kliniken kämpfen. „Wir wollen die besten "rzte gewinnen, da muss sich das Gehalt klar am Markt orientieren“, sagt Helios-Personalchefin Dorothea Schmidt. Das bestätigt auch Berater Herrendorf: „Es wird auch im neuen System weiterhin die Top-"rzte geben, die pro Jahr 2 bis 3 Mio. Euro verdienen. Aber das ist eher die Ausnahme: Die fetten Jahre sind vorbei.“

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