10.11.2005 / Rheinischer Merkur      

Gesundheit

Dubiose Händler im Gewand von Helfern

Buchtipp: Jörg Blechs „Heillose Medizin“ ist ein Feldzug gegen Geschäftemacher in weiß, hilft aber den Patienten praktisch kaum.

von Sonia Shinde

Was schlimmer war, weiß man nicht genau. Bekannt ist nur, dass Englands König Charles II. (1630-1685) sehr litt " unter seinen "rzten. Mit Aderlass, mit Schröpfen, Erbrechen und Einläufen behandelten ihn die Hofmediziner nach einem Schlaganfall. Geholfen hat es ihm nichts. Der Monarch entschuldigte sich, „so übertrieben langsam zu sterben“ " und verschied.

Das ist mehr als 300 Jahre her. Geändert hat sich wenig. Immer noch machen sich Torheiten und Trugschlüsse breit, immer noch haben wir eine „heillose Medizin“, kritisiert der Wissenschaftsautor Jörg Blech in seinem jüngsten Buch; mit dem Band „Die Krankheitserfinder " wie wir zu Patienten gemacht werden“ (2003) hatte er großen Erfolg.

Die zwölf Kapitel sind ein Feldzug gegen sinnlose Knieoperationen, gefährliche Eingriffe an der Wirbelsäule, überflüssige Infusionen beim Hörsturz und zweifelhafte Bypässe. Blech wendet sich gegen geschäftstüchtige Weißkittel, die ihren Patienten mit dubiosen Therapien in die Tasche greifen, und gegen ein System künstlicher Nachfrage, bei dem immer nur einer draufzahlt: der Patient.

Zu schnelle Skalpelle

Akribisch seziert Blech die Liste der nutzlosen Leiden, zitiert Studien und Zahlen kritischer "rzte, Expertengremien und Gesundheitsforscher, die vor allem eines belegen: Die Deutschen schlucken zu viele Pillen und kommen zu oft unters Messer. Ausnahmen: Rechtsanwälte und "rzte. Schnell mit dem Skalpell bei der Hand, wenn es um ihre Patienten geht, trauen die meisten Mediziner, wenn sie selber krank sind, eher den Selbstheilungskräften des Körpers als den Standardverfahren des eigenen Faches. Auch bei Anwälten sind sie vorsichtig.

Schwacher Trost: Die meisten unnützen Operationen und Arzneien bleiben in der Regel ohne Spätschäden. Der Patient erfährt nichts von der Schattenmedizin, wie der Autor bei der Recherche über Scheinoperationen bemerkte. Doch viele Studien der Pharmaindustrie über neue Arzneien halten einer harten wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand, moniert der „Spiegel“-Redakteur und Biochemiker Blech. Dann, wenn zum Beispiel Entzündungshemmer vorwiegend an jungen fitten Menschen getestet werden, alte Menschen aber zu den häufigsten Anwendern zählen.

Das Problem ist das System, diagnostiziert Blech. Nicht Patienten entscheiden, was sie brauchen, sondern "rzte verordnen, was ihre Betten und Beutel füllt, unterstützt von immer präziseren Diagnosen, willkürlich festgelegten Blutwerten, die Gesunde zu Kranken erklären, und dem eigenen Profitstreben. Denn wenn Heiler zu Händlern werden, dann werden zum Beispiel Lichttherapien gegen Regelschmerzen und Trübsinn verkauft und Nasenbrillen für die hoch dosierte Sauerstoffzufuhr angelegt. Und Eigenblut wird gegen Entzündungen aufgeschäumt.

„Individuelle Gesundheitsleistung“, abgekürzt Igel, nennt sich die Mixtur an Prozeduren, für die die Patienten selbst zahlen müssen, als „intransparentes Gemisch entbehrlicher Leistungen“, so Blech. Freunde bei der Zunft dürfte er sich mit seiner Zusammenstellung ärztlichen Tricksens, Tarnens und Täuschens nicht machen, auch wenn er betont, die meisten Mediziner seien getragen von dem Bestreben, ihren Patienten zu helfen " und oft selber Opfer mangelnder Information. Für Leichtgläubige hingegen ist das Buch ein heilsamer Schock und eine fundierte Attacke gegen teure und gefährliche Aktionen der Medizin.

Gleichwohl schießt Blech teilweise über das Ziel hinaus. So sind seiner Meinung nach die Früherkennung von Brust- und Prostatakrebs Beispiele für den „abnehmenden Grenznutzen“ der Medizin: Eine gigantische Untersuchungsmaschinerie und ein gewaltiger finanzieller Aufwand brächten nur geringe Vorteile, schreibt er. Eine Nichtraucherkampagne helfe der Gesundheit mehr. Das ist falsch, denn ein Raucher hat sich sein Schicksal selbst gewählt, eine Frau, die an Brustkrebs erkrankt, kann nichts dafür.

Streit um Brustkrebs

Doch Blech sieht die Sache so: Ohne Massenmammografie stürben binnen zehn Jahren acht von 1000 Frauen an Brustkrebs, mit Screening seien es sechs von 1000. Deshalb lohne sich die zusätzliche Röntgendosis nicht " außer man ist Patientin sieben und acht.

Zu kurz kommt bei Blech, was der Untertitel verspricht: „Fragwürdige Therapien und wie Sie sich davor schützen können“. Sieben Rezepte gegen Übertherapie verordnet er auf den letzten beiden Seiten. Zentrale Punkte sind unabhängige Kontrollen und Vergütungen, die nicht mehr den Apparatemediziner fördern, sondern den Gesprächspartner Arzt, der sich Zeit nimmt.

Das ist ein frommer Wunsch,aber keine konkrete Hilfe für den nächsten Geschäftsreisenden, dem der Arzt schnell mal prophylaktisch die Gallenblase entfernen will " mit der Bemerkung, es wolle doch niemand die nächsten Verhandlungen durch Schmerzen und Koliken torpedieren. Blech fordert den informierten Patienten, verkennt aber, dass viele Mediziner kritische Nachfragen oft abbügeln. Glauben statt Wissen ist das Rezept etlicher Doctores. Und viele Patienten erstarren immer noch in Ehrfurcht vor den Halbgöttern in Weiß.

Jörg Blech: Heillose Medizin. Fragwürdige Therapien und wie Sie sich davor schützen können. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2005. 240 Seiten, 16,90 EUR.

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