26.05.2005 / Rheinischer Merkur      

Gesundheit

Süchtig auf die sanfte Tour

Streit um Zusatzstoffein Zigaretten: Unzulänglich, unvollständig, unverständlich - Experten fühlen sich verkohlt von der neuen Liste für Tabakzusätze.

von Sonia Shinde

Eine Prise Kakao, ein Quäntchen Zucker, ein paar Spritzer Rum, Pflaumen- oder Feigensaft, ein bisschen Lakritze, etwas Schokolade " fertig ist der Giftcocktail. Was Millionen Rauchern die Sucht versüßt und vor allem Jugendlichen den Griff zum Glimmstängel erleichtern soll, setzt inzwischen die Tabakindustrie unter Druck. Mit großem Rummel veröffentlichte Verbraucherschutzministerin Renate Künast in der vergangenen Woche eine Liste der Zusatzstoffe in Tabak, Zigarren und Zigaretten.

Doch was als großer Erfolg im Kampf gegen die Krebsgefahr aus der Kippe gefeiert wurde, treibt Experten die Tränen in die Augen. Unzulänglich, unvollständig, unverständlich, so die Kritik. „Das ist etwas für den Kindergeburtstag“, schimpft Karl-Heinz Florenz, der Vorsitzende des EU-Gesundheitsausschusses (siehe Interview).

Gerade einmal 44 verschiedene Ingredienzen umfasst die Liste der Zusatzstoffe, die sich in Zigaretten befinden. Kein Wunder, handelt es sich dabei doch laut Ministerium um „freiwillige Angaben der Unternehmen“. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg geht von bis zu 600 Zusatzstoffen je Zigarette aus, und selbst das Verbraucherschutzministerium räumt auf Nachfrage 180 bis 240 ein.

Bereits seit November 2002 verpflichtet die Tabakprodukt-Verordnung (siehe Kasten rechts) die Hersteller, ihre Zusatzstoffe bei den Behörden zu deklarieren " vollständig. Doch davon kann bei der ¬Künast-Liste keine Rede sein. „Die Industrie bietet nur die Daten an, die sie will. Wer kann denn schon kontrollieren, über welche zusätzlichen Studien sie verfügt?“, kritisiert der Münchner Toxikologe und Vorsitzende des „Aktionsbündnisses Nichtrauchen“, Friedrich Wiebel. So stünden auf kanadischen Webseiten längst komplette Listen sämtlicher Zusatzstoffe.

Daten einfach hingeknallt

„Wir haben fristgerecht alles geliefert, wie es das Gesetz fordert“, verteidigen sich die Sprecher der großen Konzerne von Japan Tobacco, Reemtsma, BAT und Philip Morris. „Falsch“, kontert Wiebel, der Mitglied der neuen Künast-Expertenkommission ist. „Die toxikologischen Daten waren völlig unzureichend, die Unterlagen wurden dem Ministerium einfach ungeordnet hin¬geknallt“, schimpft er.

Die Industrie habe gezielt die Lücken der EU-Richtlinie und der daraus resultierenden Tabakproduktverordnung ausgenutzt. Denn die schreibt zwar vor, dass die Branche „alle bei der Herstellung der einzelnen Tabakerzeugnisse verwendeten Zusatzstoffe einschließlich der Mengen ihres Gewichtsanteils“ angeben muss, doch nicht in welcher Form.

Ein weiteres Schlupfloch: Der Liste der Zusatzstoffe müssen toxikologische Daten beigefügt werden „insbesondere hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Auswirkung und unter dem Gesichtspunkt süchtig machender Wirkung“ " sofern sie dem Hersteller vorliegen. Was tatsächlich vorliegt, kann keiner kontrollieren.

Standhaft behaupten die Konzerne, nichts in die Zigarette zu packen, „was dem Raucher das Aufhören schwerer macht und einem Nichtraucher das Anfangen leichter“, so Reemtsma-Sprecher Lars Großkurth. „Wir stellen ein legales Produkt her und gehen in verantwortungsbewusster Weise damit um.“ Zigaretten gebe es in Europa schon seit 500 Jahren, „das ist ein Kulturgut“.

Philip Morris doppelzüngig

„Unsere Inhaltsstoffe erhöhen die Schädlichkeit des Produktes nicht“, sagt auch Astrid Köhler, Sprecherin von Philip Morris in München. Das sieht die Morris-Europazentrale offenbar anders. Ein Zettelchen in einer Packung Marlboro Lights warnt: „Zigarettenrauch enthält Tausende von chemischen Verbindungen. Viele der chemischen Verbindungen sind Krebs erregend oder giftig. Wenn Sie rauchen, inhalieren Sie diese.“

Neu ist diese Erkenntnis nicht. „Die Industrie weiß, dass Zigaretten eine Vielzahl zellgiftiger und Krebs erregender Stoffe enthalten, die zum Großteil erst während des Verbrennungsprozesses, der Pyrolyse, im Tabakrauch entstehen“, sagt DKFZ-Toxikologe Heinz Thielmann.

In ihrer jüngsten Studie vom Dezember vergangenen Jahres monieren die Heidelberger Wissenschaftler die Krebs erregende und suchtverstärkende Wirkung von Ammoniak, Harnstoff, Menthol, Kakao und Zucker. Doch die Luft für die Tabakwirtschaft wird dünner: Inzwischen wollen EU-Parlamentarier die Lücken der TabakproduktVerordnung mit der europäischen Chemikalien-Richtlinie „Reach“ stopfen.


Alles, was Recht ist

Maßgebend für die Umsetzung der EU-Tabakrichtlinie ist die Tabakprodukt-Verordnung; sie trat für Deutschland am 20. November 2002 in Kraft. Das Gesetz verpflichtet die Tabakwirtschaft, beim Verbraucherschutzministerium eine Liste aller Zusatzstoffe einzureichen, die ihre Produkte enthalten. Auch toxikologische Daten sollen geliefert werden, vor allem mit Blick auf Gesundheitsfolgen und Suchtwirkung. Das Ministerium muss die Daten veröffentlichen. Ausgenommen sind nur Geschäftsgeheimnisse.

Das geplante EU-weite Reach-System (Abkürzung für Registration, Evaluation and Authorization of Chemicals, also Registrierung, Bewertung und Zulassung chemischer Stoffe) verlangt vom Hersteller oder Importeur, dass er die Sicherheit seiner Chemikalien garantiert und Daten zum Beweis beschafft. Außerdem muss er angeben, wofür die Chemikalie verwendet wird. Nach diesem Kriterium prüft die Chemikalienagentur in Helsinki die Gefährlichkeit des Stoffes. Das Produkt wird dann freigegeben, eingeschränkt zugelassen oder verboten.


Brandgefährliche Stoffe

Kakao: Der leckere Schokoladen-Grundstoff gehört zu den wichtigsten Inhaltsstoffen von Zigaretten. Das in ihm enthaltene Alkaloid Theobromin erweitert Blutgefäße und Bronchien; so kommt mehr Rauch in die Lunge. In Milch unbedenklich, reagiert Kakao bei Verbrennung giftig und setzt Stickoxide frei. Diese erzeugen mit dem Tabak Krebs erregende Nitrosamine. Fette in der Kakaobutter wandeln sich in der Glut in Krebs erregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, Phenol und Benzopyren.

Zucker: Bei der Verbrennung von Zucker in einer Zigarette entstehen durchschnittlich 700 Mikrogramm Krebs erzeugendes Acetaldehyd.

Menthol: In fast allen Zigaretten, auch solchen, die nicht nach dem pfefferminzartigen Stoff schmecken, ist es enthalten. Es vermittelt ein Gefühl von Kühle, vermindert das Reiz- und Schmerzempfinden und überdeckt damit den scharfen Zigarettenrauch. Außerdem erhöht es Atemfrequenz und Durchatmen. Es gelangt mehr Rauch in die Lunge. Beim Verbrennen in der Glutzone bildet es ebenfalls Krebs erregende Kohlenwasserstoffe.

Ammoniak: Das Giftgas mit dem stechenden Geruch und dessen Derivate spielen bei der pH-Wert-Manipulation eine Rolle. Nikotin gibt es im Tabak in freier Form, aber auch als Salz gebunden. Wird Tabak mit Ammoniumverbindungen behandelt, drängt es das Nikotin aus seiner Salzform. Es entsteht noch mehr freies Nikotin, das Raucher aufnehmen.

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