26.05.2005 / Rheinischer Merkur      

Gesundheit

„Heutige Zigaretten sind Mordwerkzeuge“

EU-Politiker Karl-Heinz Florenz kämpft gegen giftige Produkte – und attackiert Renate Künast.

von Sonia Shinde

Karl-Heinz Florenz (CDU) ist Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im EU-Parlament.

Frage: Wollen Sie wirklich Zigaretten verbieten?

Florenz: Das ist Quatsch. Das habe ich so nie gesagt. Das würde nichts bringen. Aber Sie können doch nicht ein ohnehin schon gefährliches Produkt zusätzlich mit Gift vermischen. Wenn Sie Joghurt eine unbedenkliche Substanz beimengen und sich dann herausstellt, dass das Endprodukt giftig ist, dann müssen sie das auch vom Markt nehmen.

Frage: Nun sind ja Kakao oder Zucker keine gemeingefährlichen Stoffe . . .

Florenz: Das stimmt nicht. Bei 800 Grad verbrennen sie zu Krebs erregenden Substanzen. Bei anderen Zusätzen weiß man nicht, wie die reagieren, wenn Sie die zwei Zentimeter unter Ihrer Nase verbrennen und den Qualm über Ihre Bronchien in die Lunge einatmen. Die meisten Zusatzstoffe sind als Lebensmittel zugelassen und können bedenkenlos geschluckt werden. Beim Rauchen aber verwandeln sich diese Chemikalien in Stoffe, von denen Dutzende Krebs erzeugen. Bei mehr als 70 Substanzen im Zigarettenrauch ist ¬bewiesen, dass sie entweder Krebs erzeugen oder im Verdacht stehen, dass sie dies tun..

Frage: Verbraucherschutzministerin Renate Künast hat gerade eine Liste ins Internet gestellt, in der Verbraucher nachlesen können, welche Zusatzstoffe in Zigaretten, Zigarren und Tabak enthalten sind.

Florenz: Diese Liste ist für den Kindergeburtstag! Die sagt überhaupt nichts zur Gefährlichkeit dieser Zusatzstoffe. Und vollständig ist sie auch nicht.

Frage: Inwiefern?

Florenz: Allein hinter dem Begriff Aromen verbergen sich mindestens 100 bis 200 unterschiedliche Stoffe. Die Tabakindustrie bestätigt selber, dass sie die Wahl zwischen 600 verschiedenen Zusätzen für ihre Zigaretten hat. Davon steht ja nur ein Bruchteil auf der Künast-Liste.

Frage: Laut Ministerium sind das die Informationen, die die Unternehmen geliefert haben . . .

Florenz: Das reicht nicht. Die Tabakprodukt-Verordnung sagt klar: Die Industrie muss die Hosen runterlassen. Das haben wir schließlich mit der EU-Richtlinie bezweckt. Die Zigaretten, so wie sie heute auf den Markt kommen, sind Mordwerkzeuge, die jeden Tag 383 Tote fordern und das Land 85 Milliarden Euro kosten. Das ist ein voll besetzter Jumbojet. Die Regierung muss darauf reagieren. Das ist der Job der Verbraucherschutzministerin. In meinem Wahlkreis gab es den ersten BSE-Fall in Deutschland. Danach wurde die gesamte Lebensmittelindustrie auf den Kopf gestellt " zu Recht. Doch immer noch haben wir täglich 383 Tote durch Tabakrauch, und Frau Minister kümmert sich nicht um diese Liste. Das kann doch nicht angehen.

Frage: Sie will jetzt eine Expertengruppe einsetzen, das ist doch lobenswert.

Florenz: Das ist wieder so eine halb ausgegorene Idee. Von der Arbeitsgruppe halte ich gar nichts, erst muss die Liste vollständig sein, und die Industrie muss deklarieren, welche Stoffe sich genau hinter der Angabe „Aromen“ verbergen.

Frage: Die Unternehmen argumentieren mit Geschäftsgeheimnissen . . .

Florenz: Das sind alles noch keine Geschäftsgeheimnisse. In der Lebensmittelindustrie ist das bereits Alltag. Die Tabakkonzerne wussten schon seit Verabschiedung der EU-Richtlinie im Jahr 2001, was künftig auf sie zukommt. Jetzt Erstaunen zu heucheln ist völlig fehl am Platz. Es ist ein alter Trick der Tabaklobbyisten, sich in bilateralen Verhandlungen diskret zu einigen. Aber mit diesen Menschen verhandelt man nicht!

Frage: Also ist die Künast-Liste gut gemeint, aber nicht gut?

Florenz: Mir scheint, Frau Künast vertraut zu sehr den Daten der Industrie und lässt sich über den Tisch ziehen. Die Konzerne haben im Ministerium einen wüsten Haufen wilder Zahlen und Daten abgeliefert, mit denen niemand etwas anfangen konnte. Und die 600 Zusatzstoffe lassen sich untereinander unbegrenzt kombinieren, wo sollen die Prüfer da denn ansetzen? Wenn Sie heute ein Pflanzenschutzmittel zulassen, müssen Sie alle Daten an die Behörden liefern, und zwar genau die, mit denen die "mter gezielt nach Rückständen im Grund- und Abwasser suchen können. Warum soll das nicht auch für Zigaretten gelten?

Frage: Sie wollen Tabakzusatzstoffe außerdem in das Gesetzesvorhaben zur Registrierung chemischer Substanzen (Reach) einbinden. Was versprechen Sie sich davon?

Florenz: Dann würden etwa 99 Prozent der heute existierenden Marken wegen ihrer tödlichen Zusatzstoffe vom Markt verschwinden. Warum soll ein Kinderbeißring auf Krebs erregende Weichmacher geprüft werden und eine Zigarette nicht? Für Reach zählt die Anwendung der Chemikalie, also die 800 Grad beim Rauchen, da kann sich niemand mehr rausreden mit Kakao als unbedenklichem Lebensmittel.

Frage: Aber unter Reach fallen Stoffe erst ab einer Tonne Jahresproduktion.

Florenz: Das stimmt, aber ich habe bereits beantragt, diese Mindestmenge für Zigaretten und ihre Zusatzstoffe herauszunehmen, sonst wird die Industrie das so fingern, dass die 600 Ingredienzien unter dieser Menge bleiben.

Frage: Also doch ein Zigarettenverbot?

Florenz: Wenn es „saubere“ Zigaretten ohne Zusätze gibt, dann lasst die Raucher eben rauchen.

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