22.01.2009 / FTD      

sonstiges

Koloss ohne Macht

In Indien steigt die Wut auf das Nachbarland Pakistan, das im Kampf gegen gewalttätige Islamisten kaum kooperiert. Doch der zweitgrößten Nation der Erde sind die Hände gebunden.

von Volker Müller

Niemand bezweifelt ernsthaft, dass hinter den Anschlägen von Mumbai im November pakistanische Terroristen standen, dass Pakistan islamistischen Fanatikern sehr viel Spielraum gibt und dass pakistanische Geheimdienstler und Militärs regelmäßig den Konflikt mit Indien schüren. Niemand " außer Pakistan selbst. In der indischen Regierung löst diese Haltung immer wieder Zorn aus. Doch Pakistan kann es sich leisten. Indien, die zweitgrößte Nation der Erde, ist zur Untätigkeit verdammt.

Eines der letzten Telefonate der ehemaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice galt ihrem indischen Amtskollegen. Indien, so appellierte sie am Wochenende an Pranab Mukherjee, solle sich gegenüber seinem Nachbarn Pakistan großzügiger verhalten, sich in Geduld üben und Verständnis aufbringen, um Pakistan zu helfen. Auch wenn diverse pakistanische Minister und Offizielle die Geduld der Inder beständig strapazieren.

Die Bitte der US-Ministerin war als Hilfestellung gedacht. Sie wollte dem Land die gesichtswahrende Chance geben, sich auf internationaler Bühne in Großmut zu üben. Doch eines ist längst offensichtlich: Indien hat überhaupt keine andere Option im Umgang mit Pakistan. So sehr sich Regierung und Öffentlichkeit in Indien auch über Pakistan echauffieren mögen: Es fehlen wirksame Instrumente für eine härtere Gangart gegenüber dem islamischen Nachbarn.

Die Weigerung Islamabads, die eigene Rolle in dem Terrordrama anzuerkennen, trägt zusehends absurde Züge, und zwar nicht nur aus Sicht Indiens. Wochenlang folgte Pakistan einem Kurs der Abwiegelung: Mal bestritten die Regierenden, dass die Attentäter aus ihrem Land kamen. Mal wurde geleugnet, dass es sich bei gewalttätigen Islamistengruppen um Terroristen handelte. Mal wurden Hinweise auf mögliche Täter heruntergespielt. Erst vor wenigen Tagen ließ Pakistans Innenminister Rehman Malik erkennen, die Beweise seien tragfähig.

Die Unfähigkeit, die Realitäten anzuerkennen, ist Ausdruck eines zerrütteten, wenn nicht gar gescheiterten Staates. Längst ist nicht mehr klar, ob die Zivilregierung noch Verwaltung, Polizei, Militär und Geheimdienste lenkt und kontrolliert " oder ob sie nur noch den Raum ausfüllt, den ihr die Generäle lassen. Die Armee ist seit Jahrzehnten ein Staat im Staate " ein Phänomen, das den Deutschen hinlänglich aus der Weimarer Republik bekannt ist. Sie handelt ebenso wie der Geheimdienst ISI nach einer eigenen Agenda. Das macht den Atomwaffenstaat Pakistan so gefährlich.

Indiens Möglichkeiten, auf die Provokationen zu reagieren, sind begrenzt. Ein Auftritt von Innenminister Palaniappan Chidambaram machte dies vor wenigen Tagen mehr als deutlich. Wenn Pakistan nicht schnellstens kooperiere, drohte der Minister, würden die Verbindungen zwischen den Ländern abreißen " in der Wirtschaft und im Tourismus. Was er verschwieg: Nach drei konventionellen Kriegen zwischen beiden Staaten sind Grenzverkehr und Warenaustausch ohnehin auf ein Minimum reduziert.

Die militärische Option wiederum ist gar keine. Indiens Armee besitzt " wenn sie nicht die nukleare Karte zieht " schon seit Langem kein echtes Drohpotenzial mehr. Das Rückgrat ihrer Landstreitkräfte bildet Militärtechnik aus den 50er-Jahren, ihre Feuerkraft steht in keinem Verhältnis zur Truppenstärke. Die Marine hat bis heute keinen zeitgemäßen Flugzeugträger zur Verfügung, und der Luftwaffe mangelt es schlicht an Jets. Indiens zähe Bürokratie und diverse Planungspannen haben in den vergangenen Jahrzehnten jede rasche Modernisierung verhindert. Nur in seltenen Fällen haben die Einheiten zu Land, zu Wasser und in der Luft die geforderte Einsatzstärke.

Erschwerend kommt hinzu, dass Indien seine Waffen möglichst selbst herstellen will. Wichtige Geräte sollen nicht importiert, sondern im Land produziert werden, was oft zu dramatischen Ergebnissen führt. Die gelieferte Technik entspricht nicht den Anforderungen, ist fehlerhaft oder von geringer Lebensdauer. Darin unterscheidet sich die indische Militärtechnik selten von den Produkten der zivilen Industrie.

Anders Pakistan. Der westliche Nachbar hat in den vergangenen Jahren seine Armee technisch hochgerüstet " dank großzügiger Hilfe der USA im Zuge des „Kampfs gegen den Terror“. Während von Indiens Panzertruppen allenfalls zehn Prozent über Nachtsichtgeräte der zweiten Generation verfügen, operieren pakistanische Einheiten längst in großer Zahl mit US-Geräten der dritten Generation. Dass die so importierte Technik allein im Kampf gegen die Taliban und andere Terrorgruppen in der nordwestlichen Grenzprovinz zu Afghanistan eingesetzt wird, darf bezweifelt werden.

Indien bleibt wenig mehr, als sich der internationalen Solidarität zu versichern und zu hoffen, dass die in Pakistan wütende Wirtschafts- und Finanzkrise mäßigenden Einfluss auf dessen Machthaber hat. Deutschland kann seinen Teil dazu beitragen " als Mitglied der Uno-Gruppe „Freunde eines demokratischen Pakistan“.

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