12.12.2008 / FTD      

Telekommunikation

Indien bevorteilt staatliche Mobilfunker

Erstes Hochgeschwindigkeitsnetz auf dem Subkontinent startet · Private Konkurrenten kritisieren Lizenzvergabe der Regierung

von Volker Müller

Die selbst ernannte Hightech-Nation Indien ist im Mobilfunk der Gegenwart angekommen. Der staatliche Telekomkonzern Mahanagar Telephone Nigam (MTNL) hat am Donnerstag in der Hauptstadt Neu-Delhi das erste Funknetz der dritten Generation (3G) in Betrieb genommen " sechs Jahre nach dem kommerziellen Start der ersten 3G-Netze in Europa. Weitere indische Großstädte sollen bis zum Frühjahr 2009 folgen. Wann ein 3G-Netz landesweit
verfügbar sein wird, ist noch unklar.

Konkurrenz durch andere Anbieter muss MTNL zunächst nicht fürchten. Private Wettbewerber haben bislang keine Lizenzen für die schnellen Funknetze erhalten, die in Europa unter dem Begriff UMTS bekannt sind. Diese sollen erst Ende Januar versteigert werden " für bis zu 20 Jahre. Dass MTNL und der zweite Staatsbetrieb Bharat Sanchar Nigam (BSNL) bislang kostenlose Lizenzen erhalten haben, stößt bei Wettbewerber auf scharfe Kritik. „Das hat mit Chancengleichheit nichts zu tun“, schimpfte ein Manager des privaten Wettbewerbers Reliance.

Von der Auktion erhofft sich die Regierung Einnahmen in Höhe von umgerechnet 6,3 Mrd. €. Zudem will der Staat voraussichtlich zwei Prozent der Umsätze als jährliche Lizenzgebühr verlangen. Die privaten Anbieter rechnen mit ihrem
Marktstart frühestens im Herbst 2009. Bis dahin hofft der Staatskonzern MTNL besonders attraktive Kunden von der Konkurrenz abwerben zu können, etwa Geschäftskunden.

Die 3G-Netze erlauben zahlreiche Zusatzdienste, insbesondere den schnellen mobilen Zugriff auf das Internet. Diese sind bei Geschäftskunden beliebt und versprechen den Netzbetreibern hohe Margen. Allein der ausgeprägte Schlendrian des Staatskonzerns lässt Wettbewerber hoffen, den Zeitvorsprung von MTNL einholen zu können. "Mahanagar bewegt sich generell ziemlich langsam voran“, sagt Sheriyar Irani von der Fondsgesellschaft JM Financial. Mit knapp vier Millionen Teilnehmern steht MTNL bislang lediglich auf Platz neun der indischen Teilnehmerstatistik. Zudem erzielt der Staatsbetrieb mit überdurchschnittlich vielen Mitarbeitern nur unterdurchschnittliche Gewinne.

Angesichts knapper Frequenzen werden bei der Auktion des Telekomregulierers Trai im Januar viele Mobilfunkanbieter ohne Lizenz bleiben. Der indische Subkontinent wird dabei in 23 Kreise aufgeteilt. In keinem werden mehr als vier Lizenzen vergeben, in sieben von ihnen sogar weniger. Derzeit bieten aber jeweils bis zu zwölf Netzbetreiber ihre
Dienste in den jeweiligen Kreisen an. Wann ein 3G-Netz landesweit verfügbar sein wird, ist noch unklar.

Indiens Regierung will einen Teil des Netzspektrums zudem für spätere Anwendungen zurückhalten. Welche das sind, ist noch nicht entschieden. Bei den Auktionsteilnehmern löst auch dies Unmut aus. „Es ist eine gewaltige Herausforderung, die Auktionen und den späteren Netzaufbau zu planen, ohne sicher sein zu können, dass überhaupt
Frequenzen verfügbar sind“, sagte Vodafone-Manager Asim Ghosh. Für den Mobilfunkkonkurrenten Idea ist das Verfahren ein Skandal. „Durch die künstliche Verknappung fallen die Lizenzeinnahmen höher aus. Vergibt die Regierung
aber später noch einmal Lizenzen in den Kreisen, ist das unfair gegenüber den Erstbietern“, kritisierte ein Manager.

Zwar sind auch ausländische Bieter bei der Auktion zugelassen. Diese winken jedoch ab, berichtete die Wirtschaftszeitung „Financial Express“. Sie hoffen, dass die Regierung rasch den Start virtueller Anbieter (MVNO) zulässt, die auf das Netz eines Wettbewerbers zugreifen können. Damit lassen sich vergleichbare Dienste anbieten, ohne
dass ein eigenes Netz aufgebaut werden muss. „Der Start als MVNO ist die beste Option für internationale Telekomkonzerne, denn kein 3G-Anbieter in Indien wird in den ersten Jahren Geld verdienen können“, urteilte Romal Shetty, Branchenexperte der Unternehmensberatung KPMG.

Das Wachstum des indischen Mobilfunkmarkts insgesamt aber lässt die Manager schwärmen, trotz der aktuellen wirtschaftlichen Abkühlung. Ende Oktober telefonierten bereits 325 Millionen Inder mobil, Ende 2007 waren es noch 233 Millionen. Bis zum Jahr 2012 soll die Zahl der Mobilfunknutzer auf 750 Millionen ansteigen, schätzt der US-Marktforscher iSuppli. Davon dürften dann gemäß Prognose etwa 250 Millionen Menschen das 3G-Netz nutzen.

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