08.12.2008 / FTD      

Konjunktur

Die unreife Großmacht

Die Terroranschläge in Mumbai werfen ein Schlaglicht auf eine alte indische Krankheit: Den Mangel an Verantwortungsgefühl, der sich durch das ganze Land und sein Volk zieht.

von Volker Müller

Die Terroristen von Mumbai kamen aus Pakistan? Offensichtlich. Pakistan ist ein gescheiterter Staat? Wahrscheinlich. Und Sicherheit in Indien ist eine Illusion? Ganz sicher!

Es ist eine bittere Wahrheit für Indien: Es gab im Vorfeld der Terroranschläge von Mumbai zahlreiche konkrete Hinweise auf die Attacken " wann sie stattfinden, welche Ziele getroffen werden sollen, wie die Mörder in die Stadt kommen. Es hat nur keiner der sogenannten Sicherheitsdienste für nötig befunden zu handeln. Trotz mehrfacher Hinweise der US-Geheimdienste etwa einen Monat vor den Anschlägen.

Mehr als 2300 Menschen sind allein im vergangenen Jahr durch Terrorangriffe in Indien gestorben " zehn Prozent aller Terrortoten weltweit. Sicherheit nehmen die Inder trotzdem auf die leichte Schulter. Eindrucksvoll dazu das jüngste Experiment der „Times of India“: Sie ließ in Mumbai eine Woche nach den Anschlägen einen schwer bewaffneten Zivilisten Hotels, Bahnhöfe und Märkte betreten. Kein einziges Mal wurde er an den Metalldetektoren vom Sicherheitspersonal gestoppt. Die Ausreden der Verantwortlichen waren stets dieselben: Man habe das Piepen des Geräts nicht gehört oder sei anderweitig beschäftigt gewesen.

Seit Jahren schon staunen Geschäftsreisende über die Kontrollen in Hotels, Bahnhöfen, Einkaufszentren und Flughäfen. Hunderte Polizisten oder Wachmänner drängeln sich am Vordereingang, während die Seiteneingänge
gänzlich unbewacht bleiben. Blinken die Metalldetektoren auch bunt wie ein Christbaum, das Sicherheitspersonal winkt
den Besucher trotzdem durch. Weder Mobiltelefone noch Laptops werden kontrolliert. Ob das Handy ein Telefon oder die Fernsteuerung für eine Bombe ist " es interessiert niemanden.

Der Mangel an Verantwortungsgefühl ist ein systematisches Problem in Indien " vom Handwerker über den Sachbearbeiter bis hin zum Wachmann. Solange Verantwortung bei wenigen gehortet statt geteilt wird, solange Chefs ihre Mitarbeiter nicht in die Pflicht nehmen, sondern als bloße Handlanger begreifen, solange nur diktiert statt vermittelt
wird, muss echte Sicherheit in Indien scheitern. Ein Polizist, der seine Aufgabe nicht versteht, weil er nicht eingebunden, sondern kommandiert wird, kümmert sich am Ende nur um sich selbst: Er kassiert bei jeder Gelegenheit Schmiergeld.

Es ist eine alte indische Krankheit. „Wo ein kleiner persönlicher Vorteil winkt, gerät das Wohl des Ganzen aus dem Blick“, sagt V. Raghunathan. Der Ex-Wirtschaftswissenschaftler des Indian Institute of Management in Ahmedabad beschäftigt sich seit Jahren in Büchern und Aufsätzen mit dem Verhalten seiner Landsleute. Inder kümmerten sich stets um persönliche Belange, für Gemeinschaftsinteressen seien sie nicht zu gewinnen, klagt er. Regeln zu befolgen sei ihnen fremd. Das zeige sich schon im Straßenverkehr. Wo eine Abkürzung existiert, werde sie auch genutzt.

Der Schlendrian hat System in Indien. Die Polizisten sind schlecht ausgebildet, mangelhaft ausgerüstet und über die Maßen korrupt. So zählt der Unionsstaat Maharashtra zwar 180 000 Polizisten, sie verfügen aber nur über 577 Gewehre. Häufig genug müssen die Polizisten mit einfachen Bambusstöcken auskommen " zu sehen auf einem Video, das den Angriff auf den Hauptbahnhof in Mumbai zeigt. Während die Terroristen mit automatischen Waffen das Feuer eröffnen, rennen die Sicherheitskräfte um ihr Leben. Erst jetzt rüstet Indien die Polizisten wenigstens an Flughäfen mit automatischen Waffen aus.

Selbst Anschläge auf Spitzenpolitiker haben daran wenig geändert. Den früheren Ministerpräsidenten Rajiv Gandhi kostete das im Mai 1991 das Leben. Die Polizei hatte zugelassen, dass sich eine Selbstmordattentäterin mit einem Bombengürtel näherte. Auch seine Mutter Indira Gandhi starb gewaltsam.

Das Versagen in Mumbai hat den indischen Innenminister sowie den Ministerpräsidenten des Bundesstaates Maharastra den Job gekostet. Es wird wenig ändern. Schon frühere Personalwechsel und Antiterrormaßnahmen verpufften wirkungslos: So hatte beispielsweise die Zentralregierung den Unionsländern zwischen 1994 und 2007 den Bau von 26 Patrouillenbooten zur Küstensicherung bezahlt. Kein einziges von ihnen ist im Einsatz: Sieben sind nicht seetüchtig, für drei verschwand das Geld in dunklen Kanälen, zwei liegen ungenutzt in Häfen, und für den Rest fehlen Sprit, Munition und Personal.

Indien wächst in den kommenden Jahrzehnten zu einer wirtschaftlichen Großmacht heran, die mit China um die Vormacht in Asien ringt und ihren angemessenen Platz im globalen Konzert sucht. Schon heute tritt das Land mit 1,1 Milliarden Menschen selbstbewusst und fordernd auf der internationalen Bühne auf, zuletzt auf dem G20-Gipfel. Doch Einfluss und Gewicht sind nicht ohne Verantwortung zu haben. Wer reflexartig die Verantwortung bei anderen sucht und Konflikte lieber über die Medien als auf dem diplomatischen Parkett austrägt, nährt Zweifel an seiner Reife.

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