29.11.2008 / Die Welt      

Konjunktur

"Die Kontrollen sind Augenwischerei"

Deutsche Firmen fordern mehr Sicherheit in Indien - Kein Rückzug geplant

von Volker Müller

Die Lufthansa hat ihre Flüge nach Mumbai wieder aufgenommen, die Sensex, Index der Bombay Stock Exchange, schloß mit 0,7 Prozent im Plus: In die 18-Millionen-Einwohner-Metropole kehrte gestern ein Stück Normalität zurück. Die Furcht der indischen Unternehmer, die gezielten Terroranschläge auf Ausländer könnten Investitionen verzögern oder die Wirtschaft beeinträchtigen, scheint unbegründet. Zwar wächst die Sorge um die persönliche Sicherheit, zumindest deutsche Unternehmen stehen aber zu ihrem Engagement im Land.

„Terroranschläge in Indien sind nicht neu“, sagt Heinz Rockenhäuser, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Niehoff aus Schwabach bei Nürnberg. Die Sicherheit im Land habe bei der Entscheidung, in der 6-Millionen-Metropole Hyderabad eine Produktionstochter aufzubauen, keine größere Rolle gespielt. Er fordert von Indien aber drastisch verbesserte Sicherheitsmaßnahmen: „Insbesondere an Flughäfen und in Hotel. Die bisherigen Kontrollen sind Augenwischerei.“

Zwar leide das Land seit Jahren unter einem wachsenden Terror, effektive Gegenmaßnahmen seien aber unterblieben. „Unter den deutschen Mitarbeitern wächst die Sorge um ihre persönliche Sicherheit“, berichtet der Rockenhäuser.
Die Terroristen hatten perfekte Ziele in Indiens größter Stadt gewählt: die beiden Luxushotels Oberoj und Taj Mahal, erste Adressen für ausländische Geschäftsreisende. Hier wurden Investitionen geplant, Handelsverträge geschlossen und Joint-Ventures vereinbart. „Die Attacken waren dazu gemacht, Panik zu verbreiten“, sagte Anand Mahindra, Chef des Fahrzeugherstellers Mahindra & Mahindra. Sie hätten auf das Zentrum der indischen Wirtschaft gezielt.

Nervös zeigte sich auch Kundapur Vaman Kamath, Chef der größten indischen Privatbank ICICI und Chef des Verbands der Indischen Industrie (CII): „Ich habe keinen Zweifel, dass sich Mumbai und Indien rasch von dem Schrecken erholen werden. Dennoch: Die Angriffe zeigen die Bedrohung auf für Indiens Wachstum und seine Beziehungen zum Ausland.“
Stefan Forster, Chef des Meßanlagenbauers Hectronic aus Bonndorf im Schwarzwald, will nach den Ereignissen in Mumbai sein Besuchsverhalten ändern: „Keine Übernachtung in Hotels mehr, in denen praktisch nur Ausländer übernachten, keine Meetings mehr an Flughäfen, die immer so bequem waren.“ Er wolle nur noch kurz an potenziellen Zielen verweilen. Bei der Entscheidung jedoch, eine Indien-Tochter zu gründen, habe die persönliche Sicherheit eine untergeordnete Rolle gespielt. Im Vordergrund stand vor drei Jahren die Investitionssicherheit. Und diese sei weiterhin gegeben.

Auch der Volkswagenkonzern sieht keine Notwendigkeit, seine Pläne im Land zu korri-gieren. „Indien ist sicher“, sagt ein Sprecher von Volkswagen India. Derzeit baut das Unternehmen in Pune, etwa 180 Kilometer von Mumbai entfernt eine neue Fabrik für die Produktion von 110.000 Fahrzeugen jährlich. Es ist die größte deutsche Einzelinvestition in Indien.
„Der Terror oder eine schlechte Sicherheitslage waren für Investoren bislang kein nen-nenswertes Thema“, berichtet auch Guido Christ, Chef der Deutsch-Indischen Handels-kammer in Neu-Delhi. Er spüre bei deutsche Unternehmern im Land auch kein Gefühl der Unsicherheit: „Indien ist riesig. Nach allen Regeln der Vernunft ist die Gefahr hier nicht größer als an vielen anderen Orten auf der Welt auch“, sagte Christ. Konzerne wie BASF und Siemens haben aber mittlerweile einen Reisestopp nach Indien verhängt.

Anders Giesecke & Devrient. Für der Münchener Banknoten- und Chipkartenkonzern hat Sicherheit angesichts der sensiblen Produkte höchste Priorität. „Wir greifen vor jeder Standortentscheidung auf das Wissen den Auswärtigen Amtes zurück, diskutieren mit anderen Investoren vor Ort die bisherigen Erfahrungen und tauschen uns mit den örtlichen Handelskammer aus“, sagt ein Unternehmenssprecher. Die Sicherheit der Produktion und der Mitarbeiter sei gleichermaßen wichtig. Diese sei aber in Indien vorhanden.

Wer sich mit Hinweis auf den Terror in Mumbai aus Indien zurückziehe, verberge seine wahren Gründe, sagte auch ein Manager eines DAX-Konzerns hinter vorgehaltener Hand. Anschläge gebe im seit Jahrzehnen fast im Monatsrhythmus. Wer nun die Zelte abbreche, wolle allenfalls sein unternehmerisches Scheitern verschleiern. Er verglich die Situation in Indien mit dem „Deutschen Herbst“ Ende der 70er Jahre: „Damals sind die ausländischen Investoren doch auch nicht vor der RAF aus Deutschland geflüchtet.“

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