27.11.2008 / Spiegel Online      

Konjunktur

Indiens Wirtschaft fürchtet Einbruch von Auslandsinvestitionen

Der Terror trifft Indiens Wirtschaft zur Unzeit: Die ohnehin miese Stimmung am Finanzmarkt droht sich rapide zu verschlechtern. Börsenhändler fürchten, dass sich ausländische Investoren nun reihenweise zurückziehen.

von Volker Müller

Mumbai - Flug LH 760 hat sein Ziel Mumbai nicht mehr erreicht. Auf halber Strecke entschied die Flugleitung der Lufthansa am Mittwoch, den Jumbo-Jet aus Frankfurt nach Neu-Delhi umzuleiten. Zu gefährlich erschien ihr die Landung in der westindischen Geschäftsmetropole. Weitere Flüge hat das Unternehmen abgesagt, der Flugbetrieb von Frankfurt und München nach Mumbai ruht. "Wir entscheiden kurzfristig, ob das Risiko vor Ort Flüge wieder zulässt", sagte ein Lufthansa-Sprecher auf Anfrage.

Der Terror hat Mumbai (ehemals: Bombay) lahmgelegt. Der Eisenbahnverkehr ist teilweise gestoppt, die Bombay Stock Exchange, Leitbörse des Landes, geschlossen, ausländische Airlines sagen reihenweise ihre Flüge ab, die Regierung hat die Inder aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

Die Terroristen haben perfekte Ziele in Indiens größter Stadt gewählt: die beiden Luxushotels Oberoj und Taj Mahal, erste Adressen für ausländische Geschäftsreisende. Hier werden Investitionen geplant, Handelsverträge geschlossen und Joint-Ventures vereinbart. "Die Attacken waren dazu gemacht, Panik zu verbreiten", sagt Anand Mahindra, Chef des Fahrzeugherstellers Mahindra & Mahindra. Sie hätten auf das Nervenzentrum der indischen Wirtschaft gezielt.

Banker und Fondsmanager sorgen sich, die Terrorattacken mit bislang mehr als 100 Toten und 250 Verletzten könnten die Stimmung am indischen Finanzmarkt weiter verschlechtern. "Die Attacken in Mumbai werden Investoren einen Schlag versetzen", fürchtet Deepak Parekh, Chairman der zweitgrößten indischen Privatbank HDFC. Die aktuellen Anschläge, sagt auch Kundapur Vaman Kamath, Vorstandschef des Konkurrenten ICICI, seien ein Angriff auf die Wirtschaft allgemein und zeigten, wie verwundbar die Institutionen des Handels im Land seien.

Der Terror trifft Indien in einer ohnehin labilen wirtschaftlichen Verfassung. Nach drei Jahren sprunghaften Wachstums mit jährlich mehr als 9 Prozent, fallen nun die Prognosen im Wochenrhythmus. Erst am Mittwoch gestand die Planungskommission der Regierung ein, nur noch mit 7 Prozent Wachstum zu rechnen. So sagte der stellvertretende Planungschef Montek Singh Ahluwalia: "Wir spüren nun die Schmerzen, die mit einer globalen Abkühlung einhergehen."

Er unterbot damit sogar den Ministerpräsidenten Manmohan Singh. Er hatte seine Landsleute zuvor bereits mit der Prognose von lediglich 7,0 bis 7,5 Prozent Wachstum vor Wunschträumen gewarnt: "Wir haben die Sache nicht völlig unter Kontrolle." Das sehen auch Wirtschaftsforscher so " und reduzieren die Erwartungen weiter. Am Ende könnte sich das Wachstum auf nur noch 6,5 Prozent abkühlen. "Wir müssen ein deutlich geringes Wachstum für wohl zwei Jahre akzeptieren", sagt Shankar Acharya, zwischen 1993 und 2001 oberster Wirtschaftsberater der indischen Regierung und heute Chairman der Kotak Mahindra Bank.

Seit Jahresbeginn ist der Index der Börse in Mumbai von 21.200 auf nunmehr 9000 abgestürzt " ein Minus von fast 60 Prozent. "Die Anschläge verschlechtern die ohnehin zerbrechliche Situation in Indien", urteilt Sébastien Barbe, Analyst der Investmentbank Calyon: "Bereits seit Monaten ziehen ausländische Investoren massiv Geld aus dem Land ab." Ein Drama für Indiens aufstrebende Mittelschicht, die ihre Zukunftsträume eng an den Börsenerfolg geknüpft hat: Ihre Kaufkraft, die den Aufschwung wesentlich getragen hat, fällt deutlich.

Erstmals seit Jahren sinkt zudem Indiens Export: minus 12 Prozent gegenüber Oktober 2007. Flaute auch im Tourismus: Wuchs die Besucherzahl im Oktober 2007 noch um knapp 14 Prozent, stagniert sie in diesem Jahr. Vor allem die ausländischen Touristen fehlen.

Noch härter trifft es die Autoindustrie. Erstmals seit acht Jahren sind die Verkaufszahlen im Oktober gesunken. Nach Zahlen des heimischen Industrieverbands Siam verkauften die Hersteller 14,4 Prozent weniger Fahrzeuge. Schon stoppen Fahrzeugproduzenten wie Tata und Ashok Leyland wochenweise die Produktion.

Die Industrie bemüht sich unterdessen um Normalität. "Wir halten unsere Fabriken offen, um jedes Gefühl von Panik zu vermeiden", sagt Anil Manibhai Naik, Chef des Bau- und Maschinenbaukonzerns Larsen & Toubro. "Wir müssen sehr genau darauf achten, was wir tun, um die vorhandene Panik nicht auszuweiten." Indien müsse sich allerdings um die ausländischen Reaktionen sorgen: "Wie wird die internationale Gemeinschaft auf die Vorfälle blicken und ihre Investitionen, ihre Reisen, ihre Urlaube und die Aufenthalte in den Luxushotels überdenken?"

Es waren vor allem amerikanische und britische Geschäftsleute, auf die es die Terroristen abgesehen hatten. "Dass gerade Ausländer das Ziel sind, ist besorgniserregend. Indien muss mit eiserner Hand auf diesen Terror reagieren", fordert Ajay Bodke, Fondmanager von IDFC Assets Management in Mumbai. Es ist das zweite Mal, dass die Börse wegen
Terrors ihren Handel einstellt. 1993 hatten die Börsianer nach einer Reihe von Explosionen in der Stadt mit mehr als 70 Toten ihre Geschäfte zeitweise unterbrochen. Zuletzt blieb die BSE im Juli 2005 für einen Tag geschlossen " wegen schwerer Schäden durch den Sommermonsun.

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