12.11.2008 / FTD      

Industrie

Indien zerstört Träume der Autobauer

Absatz von Last- und Personenwagen bricht massiv ein · Hohe Kreditzinsen schrecken Kunden ab

von Volker Müller

In Indien bricht der Automarkt auf breiter Front ein. Der Absatz sank im Oktober zum Vorjahr nach Zahlen des Industrieverbands Siam um 14,4 Prozent auf 865 000 Fahrzeuge. Einen solchen Einbruch hatte es zuletzt im Jahr 2000 gegeben. Seit Beginn des indischen Finanzjahres im April ist der Gesamtmarkt nur noch 5,6 Prozent gewachsen. Im Vorjahr war es noch doppelt so viel.

Der Absatzeinbruch in Indien trübt die Hoffnung der Autobauer, mit überproportionalem Wachstum in den Schwellenländern die Absatzkrise in Europa und den USA abmildern zu können. Nunmehr rauscht die Industrie ungebremst in eine ihrer schwersten Krisen. Erst am Montag hatten Analysten das Kursziel des US-Konzerns General Motors (GM) auf null gesetzt - dem Weltmarktführer droht die Pleite.

Indien schließt sich mit den jüngsten Zahlen der Entwicklung anderer Schwellenländer an. Nach Jahren des Wachstums von mehr als 20 Prozent rechnet der Marktforscher JD Power etwa in China nur noch mit einem Plus von knapp sieben Prozent in diesem Jahr. Schuld sind die Benzinpreise sowie geänderte Abgasvorschriften in dem nach den USA zweitgrößten Automarkt der Welt. Noch schlimmer dürfte es die Autoproduzenten in Russland treffen: Die Analysten von Credit Suisse rechnen dort im Jahr 2009 mit einem Absatzeinbruch von 20 Prozent.

In Indien traf der Rückgang besonders Nutzfahrzeugbauer - ihr Absatz sank im Oktober um 36 Prozent. Marktführer Ashok Leyland und Rivale Tata Motors fahren ihre Produktion nun zurück. Die Zahl verkaufter Pkw fiel um über neun Prozent.

Noch zu Jahresbeginn hatte die Branche in Indien ungebremstes Wachstum erwartet. Nach durchschnittlich 17 Prozent Plus in den vergangenen fünf Jahren sollte der Pkw-Markt 2008 um mindestens 12 bis 15 Prozent zulegen. Das wäre das weltweit viertstärkste Wachstum nach Russland, Brasilien und China. Doch bereits im Frühjahr blieben die Wachstumsraten unter Vorjahresniveau. Im Sommer sank die Zahl der Neuzulassungen erstmals.

Experten sehen als Ursache die hohen Zinsen in Indien. "Bei Kreditzinsen von 14 bis 15 Prozent denkt niemand daran, sich ein Auto zu kaufen", sagte Analyst Ramnath Subramaniam vom Brokerhaus IDFC-SSKI. Bisher finanzierten drei Viertel der indischen Käufer ihre Fahrzeuge über Kredite. Der Verband Siam forderte die Zentralbank auf, dem Markt mehr Liquidität bereitzustellen, um die Zinsen abzusenken.

Vor allem der Nachfrageschwund bei Kleinwagen, die Indiens Markt dominieren, hat den Absatz gedrückt. Doch auch das lukrative Luxussegment mit Autos ab 12 500 Euro brach im Oktober ein - um fast 31 Prozent auf 2859 Autos. Die Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes hatten gehofft, sie wären immun gegen die Folgen der Finanzkrise. BMW weihte noch im Frühjahr ein Montagewerk nahe der südindischen Stadt Chennai ein, Mercedes baut im westindischen Pune.

Vom Absatzeinbruch abkoppeln konnte sich nach FTD-Informationen bislang Volkswagen. Der Konzern habe im Oktober ein Absatzplus von 35 Prozent und seit Jahresbeginn von 66 Prozent erreicht, sagte ein VW-Sprecher. Volkswagen besitzt aber noch einen sehr geringen Marktanteil. Vor allem Autos der Marke Skoda verkauft der Hersteller in Indien und verstärkt das Geschäft zunehmend mit den Marken VW und Audi. "Wir sind auf dem richtigen Weg. Es gibt keine Gründe, unsere Markterwartungen zu ändern", betonte eine Konzernsprecherin.

Maruti Suzuki, mit 43,8 Prozent Anteil unangefochtener Marktführer, hingegen stellt sich auf ein trübes Jahresende ein: "Die nächsten zwei Monate werden schwierig", sagte Verkaufschef Mayank Pareek. Auch der südkoreanische Produzent Hyundai, mit etwa 18 Prozent Nummer zwei in Indien, sorgt sich: "Wir beginnen, den Druck zu spüren", bekannte ein Topmanager im Hintergrundgespräch.

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