04.11.2008 / FTD      

Informationstechnik

Meister der Müll-Mails

Indien hat China überrundet. Allerdings in einer zweifelhaften Disziplin: DasSchwellenland ist einer der weltgrößten Verbreiter von Spam im Internet

von Volker Müller

Schlechter zu sein als China - nichts ärgert Inder mehr. Entsprechend groß ist der Missmut beim Wettlauf zum Mond, bei der Entwicklung der Landwirtschaft oder der Industrie. Nur in der Informationstechnik hat das Land den Rivalen überflügelt. Nun kommt eine weitere Disziplin hinzu: Indien verschickt mehr Spam-Mails als der große Nachbar, berichten die Hersteller von Sicherheitssoftware Trend Micro und Marshal.

Soll er länger, größer, härter werden? Oder die Brieftasche dicker? Mehr als 100 Milliarden ungebetene Werbemails verstopfen weltweit die elektronischen Briefkästen von Firmen und privaten Webnutzern. Zwischen 75 und 95 Prozent aller Nachrichten sind bereits Spam-Mails, zeigen Studien.

Indien exportiert inzwischen knapp 4,5 Prozent des elektronischen Mülls weltweit - dabei zählt das Land weniger als ein Prozent der globalen Internetnutzer. Damit hat sich Indien binnen zwei Jahren von Position 18 auf Platz sieben vorangearbeitet, ermittelten Trend Micro und Marshal. Unangefochten an der Spitze steht Russland mit etwa zwölf Prozent, gefolgt von den USA mit 9,5 Prozent und Brasilien mit 7,5 Prozent.

Das "rgernis kostet Geld. Die Angaben schwanken zwischen 30 Mrd. und 200 Mrd. $ pro Jahr. Denn bisher verspricht nur die Installation teurer technischer Filter Linderung. Sie durchsuchen Nachrichten nach verdächtigen Wörtern und Strukturen - eine fehlerbehaftete Sisyphusarbeit. Hinzu kommt: Jeder 400. E-Mail ist ein ernsthafter Schädling angehängt, berichtet die Sicherheitsfirma Sophos. Wo keine Filter eingesetzt werden, leidet die Produktivität von Mitarbeitern massiv.

Andere Möglichkeiten im Kampf gegen Spam bleiben kaum. "Leider gibt es keine Regressansprüche der Geschädigten gegen die Spammer in den indischen Gesetzen", sagt Pavan Duggal, Anwalt für Internetrecht in Neu-Delhi. In Staaten wie Russland oder China sei es nicht besser. Der Massenversand der Werbenachrichten sei zwar meist illegal, wirksame Strafen aber nicht existent.

Das Problem ist so alt wie das Internet: Bereits 1978 irritierte der Amerikaner Gary Thuerk 600 Mail-Empfänger mit dem Versand von Reklame für ein Produkt des Computerbauers DEC - mehr Webnutzer gab es damals an der US-Westküste nicht. Der Mitte Oktober von der US-Behörde FTC zerschlagene Spam-Ring des Neuseeländers Lance Atkinson nutzte ein Netz von 35 000 Computern, die täglich zehn Milliarden Mails versenden konnten. Besonders Markenartikler trifft der Mail-Müll: Er hat die E-Mail als seriöses Werbemedium zerstört.

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