02.11.2008 / Welt am Sonntag      

Banken/Versicherungen

Das indische Feuerwerk verglüht

Die Finanzkrise erreicht Indiens Realwirtschaft. Das Wachstum bröckelt

von Volker Müller

Es war ein bescheidenes Fest dieses Jahr. Auf den Gabentischen zu Divali, dem hinduistischen Weihnachten, lagen in dieser Woche weniger Geschenke als in den Vorjahren, und auch das traditionelle Feuerwerk fiel bescheidener aus. Der Marktforscher Synovate India ermittelte, die Inder würden zwischen 53 und 59 Prozent weniger Geld ausgeben als noch im vergangenen Jahr - trotz öffentlicher Aufforderung der Medien des Landes, "endlich shoppen zu gehen". Die Inder sparen, die Finanzkrise hat längst die Realwirtschaft erreicht. Von traumhaften Wachstumsraten muss sich Indien verabschieden.

In den vergangenen drei Jahren legte Indiens Inlandsprodukt stets um mehr als neun Prozent zu. Nun lieferten sich Zentralbank und Regierung ein Wettrennen um die niedrigere Prognose: Notenbankchef Duvvuri Subbarao sieht ein Plus von 7,7 Prozent im bis März laufenden Fiskaljahr, Ministerpräsident Manmohan Singh hingegen nur noch von 7,0 bis 7,5 Prozent. "Indien wird nicht umhinkommen, die Schmerzen der Krise zu spüren. Wir haben die Sache nicht unter völliger Kontrolle", sagte er.

Es wäre das schwächste Wachstum seit 2003 - und könnte immer noch zu hoch gegriffen sein. "Die Inder tendieren dazu, den Einbruch zu unterschätzen. Lange hatten sie geglaubt, die Finanzkrise berühre sie nicht", sagte ein ausländischer Diplomat der "Welt am Sonntag". Seine Prognose: allenfalls noch sechs Prozent Wachstum.

Seit Jahresbeginn hat der Börsenindex Sensex etwa 60 Prozent seines Wertes eingebüßt. Der Absturz der Realwirtschaft ist nicht minder dramatisch. Von noch etwa acht Prozent Wachstum im Dezember 2007 ist die Industrieproduktion auf dramatisch schlechte 1,3 Prozent im August dieses Jahres gefallen. In den Monaten April bis August hat sich das Wachstum damit gegenüber dem Vorjahr halbiert. Im Ergebnis legte das gesamte Inlandsprodukt im zweiten Kalenderquartal nur noch 7,9 Prozent zu - nach 9,2 Prozent im Vorjahreszeitraum.

Besserung ist nicht in Sicht. "Handel, Finanzen und Tourismus, wichtige Dienstleistungen, sind eng mit der globalen Wirtschaft verknüpft. Jeder globale Abschwung in diesen Bereichen hat einen klaren Einfluss auf unseren Heimatmarkt", sagt Wirtschaftsforscher N. R. Bhanumurthy vom Institute of Economic Growth in Neu-Delhi. Wie kein anderer Wirtschaftszweig leidet die Luftfahrt. Sie hat inzwischen ein Drittel der Inlandsflüge gestrichen und die Preise kräftig erhöht. Deutlich wurde der Zustand, als Indiens größte private Fluglinie Jet Airways Mitte Oktober über Nacht 1900 Mitarbeiter entließ - und auf politischen Druck am Folgetag wieder einstellen musste.

"Kein einziger Sektor der Wirtschaft bleibt von der Abkühlung verschont. Selbst Branchen nicht, die keine direkte Verbindung mit der Börse haben", sagte der Aufsichtsratschef der Canara Bank, des viertgrößten staatlichen Instituts des Landes. Zentralbankchef Subbarao sieht sich nach Zinssenkungen in den USA und China unter Druck, abermals den mit acht Prozent vergleichsweise hohen Leitzins zu senken. Damit soll er für dringend benötigte Liquidität sorgen und den Kreditbedarf der Unternehmen befriedigen. Er gäbe damit jedoch das Ziel auf, die aus dem Ruder gelaufene Inflation von über zwölf Prozent wieder auf sieben Prozent zu mindern. Sie sorgte für einen Verfall des Wechselkurses gegenüber dem Dollar.

Damit wächst das Handelsdefizit. Der Wirtschaftsrat rechnet mit einem Minus von 134 Milliarden Dollar im laufenden Jahr, 10,5 Prozent des Inlandsprodukts. Längst sind alle Budgetziele der Regierung in Gefahr: "Durch die Finanzkrise werden wir unsere Haushaltsziele wohl nicht erreichen", gestand Finanzminister Palaniappan Chidambaram ein. Zu Jahresbeginn hatte die Regierung noch gehofft, das Haushaltsdefizit unter drei Prozent senken zu können - das sei nun frühestens 2010 zu schaffen, sagte er.

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