20.10.2008 / FTD      

Dienstleistungen

Auf dem Boden bleiben

1900 Mitarbeiter einer indischen Fluglinie wurden über Nacht gefeuert und kurzerhand wieder eingestellt - aus Mitleid des Firmengründers. Das ist erst der Anfang, denn sämtliche Airlines des Landes sind angeschlagen

von Volker Müller

Indien ist gemäß Verfassung eine sozialistische Republik - entsprechend strikt sind die Arbeitsgesetze. Anurag Sharma haben sie nicht geholfen: In einer Nacht-und-Nebel-Entscheidung hatte ihn sein strauchelnder Arbeitgeber Jet Airways Mitte vergangener Woche vor die Tür gesetzt, zusammen mit 1900 weiteren Kollegen. Ein in Indien beispielloser Vorgang.

"Ich stand wie immer in Uniform am Straßenrand, um vom Firmenbus abgeholt zu werden", erzählt der 22-jährige Sharma. Doch der Bus der größten privaten Fluggesellschaft Indiens kam nicht. "Also rief ich im Büro an und erfuhr erst so: Ich stehe seit Mitternacht nicht mehr auf der Gehaltsliste." Niemand hatte es für nötig befunden, die Betroffenen zu informieren. Indiens Medien heulten so laut auf wie schon lange nicht mehr.

Fast 15 Prozent seiner Mitarbeiter hatte Jet Airways die Tür gewiesen - Flugbegleitern ebenso wie Piloten und Bodenpersonal. "Eine unglückliche Entscheidung, die wir alle bedauern. Aber es ist ein Versuch, die weiteren 11 100 Arbeitsplätze zu sichern", begründete Vorstand Saroj Dutta den harten Schritt. In dem im März abgeschlossenen Finanzjahr hatte Jet 102 Mio. $ Verlust vor Steuern eingeflogen. Das neue Jahr startete kaum besser: Im Quartal April bis Juni hatte die Ebitda-Marge im Inlandsgeschäft erschreckende minus 9,6 Prozent betragen.

Die Massenentlassung war von Experten lange schon prophezeit worden. Trotzdem fiel das Echo der Politik gewaltig aus; hitzige Proteste der Entlassenen an den Flughäfen in Mumbai und Delhi folgten. Denn die erst seit Beginn des Jahrzehnts liberalisierte Luftfahrt ist ein nationales Heiligtum.

Mit der folgenden krassen Kehrtwende des Unternehmens, hatte dennoch niemand gerechnet: "Ich kann keine Tränen sehen", schluchzte Jet-Gründer Naresh Goyal am Donnerstag öffentlich - und stellte alle 1900 Mitarbeiter wieder ein. Er habe sich vorgestellt, seine 19-jährige Tochter sei unter den Betroffenen, daher habe er handeln müssen.

Angeblich habe er von den Massenentlassungen vorher nichts gewusst. "Dem Vorstand mag meine Entscheidung missfallen, schließlich hatte er anders entschieden. Manchmal gibt es in Familien Missstimmungen, dann muss eben das Familienoberhaupt entscheiden", sagte Goyal, der die Fluglinie 1972 gegründet hatte.

Der Schritt könnte sich als Fehler für Jet erweisen. Denn der Branche geht es schlecht. Die hohen Kosten für Kerosin, die Finanzmarktkrise, die mit etwa zwölf Prozent galoppierende Inflation und das nachlassende Wachstum der indischen Wirtschaft haben die allesamt noch jungen Fluggesellschaften hart getroffen. Sie kämpfen mit sinkenden Passagierzahlen.

Indiens Fluglinien stehen deswegen in einem harten Wettbewerb. Selbst die beiden Staatslinien Air India und Indian Airlines haben bereits fusioniert - und am Donnerstag der Hälfte ihrer 30 000 Mitarbeitern angeboten, bis zu fünf Jahre unbezahlten Urlaub zu nehmen. Doch noch immer tummeln sich in Indiens Luftraum acht eigenständige Gesellschaften. Kleine Fluglinien wie Paramount und Goair gelten längst als Übernahmekandidaten, nun kooperieren selbst Schwergewichte wie Jet und Kingfisher.

Beide erklärten Anfang vergangener Woche, weitgehend miteinander kooperieren zu wollen. Kingfisher-Chef Vijay Mallya stellte im Zusammenhang mit den Entlassungen beim neuen Partner Jet klar: "Kingfisher wird alles tun, um seine Kosten zu senken - was auch immer das sein mag." Gestern wurde bekannt: Kingsfisher kürzt den Piloten, Co-Piloten und Piloten in der Ausbildung die Gehälter - teilweise um 90 Prozent.

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