11.09.2008 / Welt am Sonntag      

Konjunktur

Indien buhlt verstärkt um deutsche Investoren

Subkontinent will China den Rang streitig machen

von Volker Müller

Neu Delhi - Indiens Politik und Industrieverbände wollen die Vorliebe deutscher Unternehmen für China auf
das eigene Land lenken. "Indien ist der nachhaltig bessere Standort für Investitionen", sagte Shekhar Datta,
Aufsichtsratschef des Motorenbauers Lombardini India und Ex-Präsident der Confederation of Indian Industry
(CII) der WELT. Die Inflation mit rekordverdächtigen zwölf Prozent und das sich im laufenden sowie
kommenden Jahr auf etwa sieben Prozent abschwächende Wirtschaftswachstum änderten daran nichts.
Datta führt derzeit eine Delegation mittelständischer indischer Unternehmer durch Deutschland.

Allein im vergangenen Jahr hatten deutsche Unternehmen etwa 830 Mio. Euro in China direkt investiert, aber
nur 126 Mio. Euro in Indien. "Dabei versprechen Investitionen in kleinere und mittlere indische Unternehmen
deutlich höhere Renditen bei vergleichsweise niedrigeren Risiken", sagte Datta. Indische Partner seien
schnell, anpassungsfähig, vertrauenswürdig und qualitätsorientiert. Zudem seien sich beide Länder politisch
und kulturell nahe. "Den Deutschen sind der Kampf gegen den Klimawandel und die Einhaltung der
Menschenrechte wichtig. Wir haben die gleichen Ziele", sagte Datta.

Indien biete im Gegensatz zu China größere unternehmerische Freiheiten, Freizügigkeit und Rechtssicherheit -
auch beim Schutz von Marken- und Urheberrechten. Datta räumte aber ein, dass Indiens Bürokratie manchen
Elan dämpft: "Unternehmer sehen regelmäßig, wie schnell in China Entscheidungen getroffen und vor allem
umgesetzt werden - Folge eines autokratischen Regimes. Indien ist hingegen eine stark ausgeprägte
Demokratie. Sie benötigt aus guten Gründen mehr Zeit."

Seit zehn Jahren wächst der Handel zwischen beiden Ländern rasant. Betrug er im Jahr 2000 noch 4,5 Mrd.
Euro, ist er im vergangenen Jahr auf etwa 12,1 Mrd. Euro gestiegen. Allein die deutschen Exporte haben sich
nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes seit 2003 mehr als verdreifacht. Schätzungen, das
Handelsvolumen werde bis 2015 die Marke von 20 Mrd. Euro erreichen, hält Datta für zu konservativ: "Das
wird uns bereits 2012 gelingen." Insbesondere die Chemie, die Automobilbranche, Eisen- und
Stahlproduzenten sowie der Maschinenbau würden das Volumen treiben.

Die Wirkung der neuen Sonderwirtschaftszonen in Indien auf die gesamte Entwicklung betrachtet Datta
zurückhaltend. Die Zonen bieten steuerliche Anreize und vereinfachte Genehmigungsverfahren. "Die Zonen
helfen nur punktuell. Vielmehr muss es uns gelingen, das gesamte Land attraktiv für Investitionen zu machen",
sagte Datta.

Zuletzt hatten auch indische Unternehmen ihr Engagement in Deutschland verstärkt. Datta sieht aber noch
eine Reihe von rechtlichen und steuerlichen Hürden, die auf deutscher und europäischer Seite abgebaut
werden müssten.

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