17.08.2008 / Welt am Sonntag      

sonstiges

Lost in New Delhi

Wird Indien tatsächlich die nächste Wirtschaftsgroßmacht? "Welt am Sonntag"-Mitarbeiter Volker Müller will es selbst herausfinden, vor einigen Wochen zog er deshalb von Hamburg nach Neu-Delhi. Ein Bericht über erste Erfahrungen im indischen Alltag.

von Volker Müller

Die Einfahrt in das Einkaufszentrum in Neu-Delhi ist versperrt. Vor den verschiebbaren Gittern schwitzen vier Wachmänner in der sengenden Hitze. Zugangskontrolle. Energisch durchsucht der älteste Uniformierte den Kofferraum, schwungvoll schiebt ein jüngerer Kollege den Spiegel unter das Fahrzeug. Sie suchen nach Bombenlegern unter den Shoppern.

Der Antiterrorkampf hat Indien im Griff. Erst Ende Juli rissen Terroristen mit 19 Bomben in der westindischen Stadt Ahmedabad 49 Menschen in den Tod, weitere 114 wurden verletzt. Seit 2005 gab es bei Terroranschlägen 557 Tote und nahezu 1400 Verletzte. Fast immer waren radikale Moslems die Täter, fast immer zündeten sie die mit Nägeln und Schrauben gespickten Sprengsätze auf belebten Märkten.

In der Tiefgarage geht das Spiel weiter. Wer das Einkaufsparadies betreten will, muss den Metalldetektor passieren oder sich abtasten lassen. Natürlich nur Männer. Denn Frauen sind nach dem Verständnis der indischen Behörden per Definition nicht zu Terror fähig - egal welchen Eindruck sie machen. Offenbar mag sich niemand mehr an das Selbstmordattentat auf Ministerpräsident Rajiv Gandhi im Jahr 1991 erinnern. Das hatte eine Frau begangen.

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Der kleine Milan liebt kandierte Früchte. Seit Minuten drückt der Junge sich die Nase am Schaufenster platt und quengelt. Schließlich hat die Mutter Erbarmen. Der Wachmann hält ihr die Tür auf, sein Kollege greift helfend nach den mitgebrachten Einkaufstüten.

Der Weg zur kandierten Mango ist kurz, doch von unzähligen Angestellten gesäumt. Für fast jede Handreichung steht jemand bereit. Das Heer ungebildeter Arbeitskräfte ist unüberschaubar - und spottbillig. Eine Haushaltshilfe verdient 3000 Rupien im Monat, ein Verkäufer kommt auf 5000 Rupien im Monat - das sind umgerechnet nicht einmal 80 Euro.

Allein dieser Candy-Shop beschäftigt gefühlt 300 Helfer: Einer wischt das Regal ab, einer räumt die Ware ein, einer rückt sie gerade, einer schreibt den Preis dran, einer preist dem Kunden gegenüber die Ware an, einer trägt sie dem Kunden hinterher, einer nimmt die Ware an der Kasse entgegen, einer liest den Preis laut vor, einer tippt ihn in die Kasse ein, einer nimmt das Geld entgegen, einer zählt es nach, einer packt die Ware ein, einer stempelt den Kassenbon ab, und einer reicht schlussendlich die Ware an den Kunden. In Thailand schafft das ein Zehntel der Mitarbeiter in vierfacher Geschwindigkeit.

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Avdesh befehligt einen Flohzirkus von Arbeitern. Der letzte Feinschliff vor Übergabe des Apartments ist gefragt. Aus den Steckdosen kommt noch kein Strom, das heiße Wasser bleibt kalt, mehrere Wände haben einen Wasserschaden, Putz bröckelt von den Wänden, das Telefon ist tot. Der Eigentümer steht ungeduldig hinter ihm, doch seine Arbeiter stürzen Avdesh in die Verzweiflung: Auch nach Stunden fehlen weiterhin die Lampen, der Wasserboiler verweigert noch immer die Arbeit, und der Putz bröckelt großflächig.

Handwerkliche Ausbildungsgänge, organisiert von Staat oder Wirtschaft, sind ein ferner Traum in Indien. Die meisten Handwerker werden noch als halbe Kinder angelernt, die wenigsten verstehen dabei, was sie machen. Das soll sich auch nach Jahren nicht ändern. So scheitert der gemeine Klempner an der Installation eines Heißwasserboilers, der Elektriker am Anschluss eines Ventilators und der Wasserlieferant an der Aufgabe, die 20-Liter-Flaschen in den Wasserspender seiner eigenen Firma einzusetzen.

Der Eigentümer, ein feinsinniger älterer Herr aus bestem Hause, brüllt schließlich: "Nichtsnutziges Dreckspack! Wozu bezahle ich euch eigentlich?" Danach läuft es deutlich besser.

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Vicky hupt mal wieder. Eigentlich hupt er ständig. So wie alle anderen Autofahrer in Delhi auch. Für Europäer ist der Verkehr eine Zumutung. Zwischen den Fahrzeugen ist kaum fünf Zentimeter Platz, der Wechsel der Straßenseite ein Spiel auf Leben und Tod. Jeder fährt, wie er will. Verkehrsregeln sind ein untaugliches Konzept aus dem fernen Europa. Selbst der Linksverkehr ist nicht in Stein gemeißelt.

Dieses Mal hupt Vicky aber wegen einer Kuh. Ach was: wegen einer ganzen Herde herrenloser Kühe, die sich ihm in den Weg gestellt haben, mitten auf einer Hauptverkehrskreuzung der Hauptstadt. Was früher "cker umpflügte oder Milch gab, lungert heute auf Delhis Straßen herum. Denn Kühe, die keine Leistung mehr für ihren Besitzer erbringen, werden verstoßen.

Das beschert Delhis Stadtverwaltung ein ernsthaftes Problem. 2010 kommen die Commonwealth Games in die Stadt. Bis dahin, so der erklärte Wille der Bürokraten, sollen die Kühe verschwunden sein. Wo Deutsche nach einer abschließenden Lösung verlangen würden, reicht den Indern eine temporäre völlig aus. Die sieht so aus: Die Viecher werden kurz vor dem Sportfest eingefangen, ins Umland verfrachtet - und nach den Spielen wieder ihrem Schicksal überlassen. Für ein ordentliches Gnadenbrot fehle schlicht das Geld, sagt die Stadtverwaltung.

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"Vorsprung durch Technik": Ob die Inder den deutschen Werbespruch wohl verstehen? Devashish lacht über die Audi-Anzeige in der "Times of India". Sie zeigt den Audi-Geländewagen Q7. Angesichts des erbärmlichen Zustands der Straßen sicher das richtige Auto für Indien, sagt sie. Allein: Der Wagen ist unbezahlbar. 200 durchschnittliche Jahresgehälter würden nicht ausreichen, ihn zu bezahlen.

Und die Aussichten, dass er billiger werde, seien gering, klagt Devashish: Bei inzwischen zwölf Prozent Inflation schmilzt der Wert der Rupie gegenüber Euro, Dollar oder Yen wie Mangoeis in der Mittagshitze. Ursprünglich hatte die Zentralbank die Geldentwertung auf sieben Prozent begrenzen wollen. Dann kam der Ölpreisschock. Heute wären die Zentralbanker schon froh, wenn sie 2009 etwa acht Prozent erreichen könnten. Dem schenken die Inder wenig Glauben. Längst sind etwa die Vermieter dazu übergegangen, Inflationsklauseln in Mietverträge einzubauen. Eine jährliche Mietsteigerung von zehn Prozent gilt dabei noch als fair. Die Massenproteste, die so etwas wohl in Deutschland auslösen würde, bleiben aus.

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Anders als große Autos und viele Wohnungen ist das Telefonieren richtig billig - eine Folge radikaler Liberalisierung. Weil sich der staatliche Festnetzgigant BSNL als nicht reformierbar erwies, blieb nur die Brechstange des gnadenlosen Wettbewerbs, um die marktbeherrschende Stellung von BSNL zu brechen. Vetternwirtschaft hatte den Telekomkonzern handlungsunfähig gemacht. Auf einen Festnetzanschluss mussten private Kunden fast zwei Jahre warten - lächerlich in einem Land, das in den vergangenen Jahren die globale IT-Industrie revolutioniert hat.

Heute ist ein Handy-Vertrag binnen 30 Minuten zu bekommen, die Mobilfunkminute kostet umgerechnet nur 1,5 Eurocent, egal in welches Netz, egal zu welcher Zeit. Die Festnetzanschlüsse von BSNL will kaum noch ein Inder haben.

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Sangeeta hat ihre linke Sandale verloren - in einem Sturzbach, der eine Straße bedeckt, die noch Minuten zuvor befahrbar war. Der Monsun spült alles fort: Menschen, Autos, Müll, die gesamte Infrastruktur. Delhi versinkt im August im Morast, aus der Kanalisation spült alles nach oben. Die Korruption hat ganze Arbeit geleistet. Nie war das Wegenetz so kaputt, nie die Stadt dem Verkehrsinfarkt so nahe wie heute, sagt ein ranghoher Diplomat. Es wird kaum Geld investiert in den Straßenbau. Oder das Wassernetz. Oder das Stromnetz.

Einzig die frischen Stelzen der Metro ragen in Delhi in den Himmel. Erst 2002 war sie eröffnet worden. Allerdings ist das Schnellbahnnetz kaum halb so groß wie in München, obwohl die Zahl der Einwohner das Zwölffache erreicht. Linderung folgt vor den Commonwealth Games 2010. Dann sollen 80 Kilometer Strecke hinzukommen. Weltniveau ist das nicht.

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Maja musste herkömmliche Glühbirnen aus dem Ausland mitbringen. Die nämlich sind in Indien Mangelware, und das ist gewollt so. Umweltschutz hat neuerdings hohes Gewicht in Indien. Weite Teile Delhis erstrahlen nachts im eisigen Blau der Energiesparlampen. Selbst die einstigen Schummerecken in den Cafés verströmen den Charme von Bahnhofshallen.

Bei Plastiktüten meldet die Regierung stolz ähnliche Fortschritte. Aus Einkaufszentren sind die Polyethylen-Folien bereits vollständig verbannt. Derzeit produzieren noch 147 Fabriken allein in Delhi die Tragetaschen, doch damit soll 2010 Schluss sein.

Forscher haben errechnet, dass noch mehr Energie gespart werden kann. Zum Beispiel würde der Fahrer einer Autorikscha durchschnittlich 3200 Rupien im Jahr sparen, wenn er an roten Ampeln konsequent den Motor ausschalten würde. Sagen die Forscher. Als wenn Rikschafahrer an roten Ampeln halten würden.

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