07.07.2008 / FTD      

Telekommunikation

Magere Zeiten für dicke Fische

Internet, Musik, Video, Navigation – alles wird mobil. Nur die Netzbetreiber haben wenig davon. Ihnen fehlt die Strategie. Die Gewinner heißen mal wieder Google, Nokia und Apple.

von Volker Müller

Warnungen gab es reichlich: Das Internet würde mobil werden, die Mobilfunkbetreiber mangels eigener Ideen, Visionen und Angebote aber zu bloßen Transporteuren von Bits und Byte verkommen. Selbst Arun Sarin, Chef des weltgrößten Mobilfunkers Vodafone, warnte seine Branche zu Jahresbeginn: „Wir müssen aufpassen, nicht von anderen abgedrängt zu werden.“

Ein halbes Jahr später wird immer deutlicher: Das drohende Unheil ist längst eingetreten. Google steht kurz vor der Auslieferung seines Handybetriebssystems Android, Apple feiert Erfolge mit dem ersten Mobiltelefon, das multimedialen Ansprüchen genügt, Research In Motion erobert mit seinem mobilen E-Mail-Dienst Blackberry den Globus, und Handygigant Nokia formt sich im rasenden Tempo zum Internetkonzern um. Denn sie alle sind überzeugt: Das Geld wird künftig nicht mehr mit Telefonaten, sondern mobilen Diensten verdient.

„Die Netzbetreiber sind hingegen auf dem Weg zur Bitpipe. Es gibt wenig Anzeichen ernsthafter Schritte dagegen. Es ist zu bezweifeln, dass die Manager überhaupt verstanden haben, wie sich der Markt wandelt“, sagt Dan Bieler vom Marktforscher IDC. Hohe Gewinne haben satt und träge gemacht. Trotz Preisdrucks und Regulierung: Die Nettomargen erreichen immer noch 20 bis 25 Prozent " weit mehr als in anderen Branchen. „Viele Handlungsalternativen sind daher wirtschaftlich weniger interessant“, sagt Bieler.

Das Drama ist im Geschäft mit Privatkunden offensichtlich " und setzt sich im Geschäft mit Firmenkunden unvermindert fort, urteilt auch Torsten Gerpott, Branchenexperte der Universität Duisburg: „Der Zustand der Netzbetreiber ist hier bedenklich. Sie beschränken sich auf die Ausgabe von Handykarten. In der Systemintegration, die Geschäftsprozesse mobil macht, haben sie bislang geschlafen.“

Kaum verständlich. Zumindest T-Mobile hat mit der Schwester T-Systems das notwendige Wissen im eigenen Konzern. Genutzt wird es nicht. Analyst Bieler: „Im Geschäft mit Firmenkunden stehen die Netzbetreiber fast vollständig im Abseits. Hier heizen ihnen die Systemintegratoren und Softwarekonzerne ein. Mit denen können Unternehmen über mobile Geschäftsprozesse sprechen und Mitarbeiter produktiver machen. Netzbetreiber haben von diesem Thema praktisch keine Ahnung. Softwareentwicklung ist jedoch der Schlüssel zur Zukunft.“

Konzerne wie IBM, Microsoft oder Hewlett-Packard böten Wissen und Lösungen für die meisten mobilen Geschäftsprozesse, sagt Bieler: „Sie können Abläufe in Firmen analysieren und entsprechende Produkte implementieren. Netzbetreiber hingegen preisen Datenkarten für Laptops und mobile E-Mail als Allheilmittel an. Aber mit der Netzanbindung alleine ist sehr wenig erreicht.“

Dabei führten sich die Netzbetreiber gar als Bremser des mobilen Internets auf. Mit horrenden Tarifen von bis zu 10 Euro pro Megabyte Daten unterbanden sie jahrelang konsequent jede Nutzung. Selbst Pauschaltarife strapazieren noch heute die Etats von Kunden. Auch acht Jahre nach Vergabe der Lizenzen für die schnellen UMTS-Netze gehen nicht einmal zehn Prozent der Handybesitzer mobil online.

Verbal wehren sich die Mobilfunker heftig gegen Prognosen, zu digitalen Steigbügelhaltern anderer Dienste- oder Inhalteanbieter zu werden. Doch über Kooperationen mit Yahoo, Google oder Nokia kommen sie nicht hinaus. „Von ihnen selbst kommt nichts, sie adaptieren nur Ideen von außen“, stellt Uni-Experte Gerpott fest.

Selbst das bislang wertvollste Kapital, das Funknetz, ist nach Expertenmeinung wenig wert. „Deutschland braucht keine vier Netze für ein und denselben Zweck“, urteilt IDC-Experte Bieler. In Großbritannien oder Indien teilen sich längst verschiedene Anbieter ein gemeinsames Funknetz. Einziger Trost für die so Gebeutelten: „Auch mit der bloßen Verbindung ist gutes Geld zu verdienen " zumindest im Vergleich mit anderen Branchen wie etwa Versorgern“, sagt Gerpott.

Bookmark setzen bei Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen oder Webnews oder