30.06.2008 / FTD      

Telekommunikation

Gemeinsamer Königsmord

Der Streit um Freenet spitzt sich zu: Die Großaktionäre United Internet und Drillisch wollen den Vorstand entlassen und den Aufsichtsrat austauschen. Ob es dazu kommt, hängt ab von Finanzinvestor Permira

von Volker Müller

Normal ist das nicht“, versprach Freenet lange Zeit seinen DSL-Kunden. Das finden inzwischen auch die Aktionäre des Mobilfunk- und DSL-Anbieters. Ihr Streit mit dem Vorstand ist längst zu einer Schlammschlacht ohne Beispiel in Deutschland ausgeartet. Nächster Höhepunkt: die Hauptversammlung des Unternehmens am 8. August in Hamburg. Dort fordert der Großaktionär MSP, mit etwa 25 Prozent beteiligt, nichts weniger als den Austausch des Aufsichtsrats und die sofortige Absetzung des Vorstands.

Anlass ist der Streit um die Zukunft von Freenet. Lange hatte sich Vorstandschef Eckhard Spoerr gegen eine Fusion mit einem Wettbewerber gesperrt. Er setzte auf einen Alleingang und Kombiangebote aus Mobilfunk und DSL-Zugängen. Die durch Aktionärsklagen verzögerte Fusion von Freenet mit seiner Muttergesellschaft Mobilcom manövrierte das Unternehmen jedoch ins Abseits: 2006 und 2007 bewegte sich Freenet kaum, überließ den Markt den Rivalen. Nun steht der Konzern ohne strategische Perspektive da.

Rettung soll nun die Übernahme des deutschen Provider-Primus Debitel bringen. Ende April verständigten sich Freenet und Debitel-Eigner Permira auf einen Kauf. Freenet zahlt für die etwa 13 Millionen Debitel-Kunden 1,63 Mrd. Euro " zum Teil in Aktien: Der Finanzinvestor hält künftig 24,9 Prozent der Anteile an Freenet. Das Geschäft ist juristisch aber noch nicht abgeschlossen.

MSP, hinter dem der Wettbewerber Drillisch sowie der DSL-Anbieter United Internet stehen, hat anderes im Sinn: Drillisch will seine 2,2 Millionen Mobilfunkkunden in das Freenet-Geschäft einbringen und die Branchenkonsolidierung somit abschließen, United Internet mit der Übernahme der DSL-Sparte von Freenet sein Gewicht im Wettbewerb um Webzugänge erhöhen.

„Einen großen Mobilfunkprovider zu schaffen, ist richtig. Das fordern wir bereits seit zwei Jahren. Spoerr hat dieses immer abgelehnt. Weil sein Geschäft aber nicht mehr rund läuft, geht er doch eine Fusion ein " aber zu schlechteren Konditionen“, klagt Drillisch-Chef Paschalis Choulidis. Spoerr habe durch die Verzögerung Aktionärsvermögen in Millionenhöhe vernichtet.

Spoerr findet dagegen befremdlich, wie Ralph Dommermuth, Chef von United Internet, vorgeht: „Der Versuch, den Aufsichtsrat und Vorstand komplett abzuservieren, ist neu in Deutschland. Um günstig an unsere Geschäfte zu kommen, nimmt Dommermuth in Kauf, dass Freenet ins Chaos fällt und Aktionärsvermögen vernichtet wird. Das ist Bonanza und nicht Corporate Germany“, sagte Spoerr der „FAZ“.

Profiteur des Streits könnte ausgerechnet Permira selbst sein. Der Finanzinvestor hatte nach finanziell mageren Jahren 2007 den gerade 36-jährigen Oliver Steil an die Spitze von Debitel gehievt " und damit ein glückliches Händchen bewiesen. Das sieht auch Drillisch-Chef Choulidis so und machte Permira-Chef Jörg Rockenhäuser ein Angebot: Der Investor solle mithelfen, den Aufsichtsrat zu tauschen. Dann könne Permira selbst in das Kontrollgremium einziehen und Steil zum Freenet-Chef berufen.

Gemessen an der operativen Leistung der jüngsten Zeit fiele Rockenhäuser die Entscheidung wohl leicht, den Königsmörder zu spielen: Debitel steigerte im vergangenen Jahr den Umsatz um 13 Prozent und erhöhte den Nettogewinn um 41 Mio. Euro. Freenet strauchelte hingegen im ersten Quartal: Die Kundenzahl sank um zehn Prozent, der Umsatz stagnierte, der Nettogewinn fiel von 50 Mio. auf 12 Mio. Euro. Allein in der DSL-Sparte verbrannte Freenet 2007 etwa 80 Mio. Euro.

Doch im Kaufvertrag Ende April einigten sich Permira und Freenet auf Spoerr als neue Führungsspitze des Freenet-Debitel-Konzerns. Steil darf nur den Vertrieb übernehmen. Ob die Lösung von Dauer ist, bezweifelt allerdings ein Firmenkenner: „Spoerr wahrt so sein Gesicht. Schließlich ist Freenet formal die übernehmende Gesellschaft. Er könnte aber bereits Ende des Jahres vom Amt zurücktreten " mit einer millionenschweren Abfindung.“

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