25.06.2008 / FTD      

Telekommunikation

Nokia gibt Betriebssystem Symbian frei

Handyhersteller macht Basissoftware zum Allgemeingut · Umbau zum Internet- und Servicekonzern geht voran

von Volker Müller

Android, Googles kostenloses Betriebssystem für Mobiltelefone, verändert den Markt bereits Monate vor der Veröffentlichung: Nokia hat die Minderheitseigner des Betriebssystemherstellers Symbian ausbezahlt und stellt künftig dessen Software ebenfalls kostenlos bereit. Dazu gründete der finnische Handyhersteller gestern die Symbian Foundation. Sie wird von zahlreichen Geräteherstellern, Chipproduzenten und Netzbetreibern unterstützt.

Die Übernahme ist eine vorweggenommene Reaktion auf Android und zeigt, dass Nokia den lizenzpflichtigen Systemen keine Zukunft mehr zubilligt. Der finnische Konzern geht damit einen weiteren bedeutenden Schritt auf dem Weg zu einem Serviceanbieter. Die Produktion von Mobiltelefonen und die Entwicklung eines Betriebssystems sollen mittelfristig nur noch eine mindere Rolle spielen. Im Fokus stehen mobile Dienste für Navigation, Musik, Videos oder Spiele.

Nokia hielt bislang knapp 48 Prozent an Symbian. Für die insgesamt 52 Prozent der Anteile, die bislang Ericsson, SonyEricsson, Panasonic, Siemens und Samsung gehörten, zahlen die Finnen 264 Mio. Euro. Sie lösen Symbian in den kommenden Wochen auf und übertragen das Symbian Operating System (OS) an eine nicht kommerzielle Stiftung. Sie wird das Betriebssystem den bislang 22 Stiftungsmitgliedern kostenlos zur Verfügung stellen. Unter ihnen sind Netzbetreiber wie Vodafone und NTT Docomo, Chiphersteller wie Texas Instruments und Freescale sowie Handyhersteller wie Samsung und Motorola.

Damit folgt Nokia einem Modell, dass sich bei der Weiterentwicklung des Internetbrowsers Netscape Navigator (heute: Firefox) mit der Mozilla Foundation bewährt hat. Dieser hatte Branchenprimus Microsoft mit seinem Internet Explorer zuletzt deutliche Marktanteile abgenommen. Die Ausgangssituation bei den Handys ist allerdings eine andere: Zwei Drittel aller Smartphones, einer Kombination aus Telefon und kleinem Taschencomputer, basieren bislang auf dem Symbian Operating System. Im gesamten Handymarkt hat Symbian einen Marktanteil von etwa sechs Prozent.

„Eine einheitliche Softwareplattform wird allen Beteiligten nutzen. Entwickler müssen künftig nur noch für ein System entwickeln, nicht mehr für eine Handvoll. Das führt zu einer größeren Zahl von Innovationen " ein kritischer Punkt“, sagte Matti Vänskä, Verkaufschef für Handysoftware bei Nokia der FTD. Die bislang von Samsung, SonyEricsson, Motorola und Nokia eingesetzten Symbian-OS-Varianten unterschieden sich hingegen voneinander und verursachten Entwicklern Mehrarbeit.

„Nokia reagiert bereits auf Android, ohne dessen Erfolg zu kennen. Das ist mutig " aber auch konsequent: Nokia braucht kein eigenes Betriebssystem, um sich im Markt zu differenzieren“, sagte Martin Gutberlet, Branchenexperte des Marktforschers Gartner. Entscheidend für den Erfolg seien die richtigen Programme und Dienste: „Nokia hat sich vom Holz- und Reifenkonzern zum Weltmarktführer für Handys gewandelt. Nun wandelt sich der Konzern zum Internet- und Servicekonzern. Damit ist er Wettbewerbern weit voraus.“ So führt Nokia unter der Dachmarke Ovi derzeit eine Reihe von mobile Diensten ein, etwa die Navigationshilfe Nokia Maps.

Gespannt wartet die Branche auf Reaktionen von Microsoft, Apple und Research in Motion (RIM). Microsoft bemüht sich seit Jahren, den Marktanteil seines kostenpflichtigen Systems Windows Mobile bei Smartphones zu steigern. „Nunmehr zwei kostenlose Konkurrenzsysteme, Android und Symbian, dürften die Verkaufschancen jedoch nachhaltig schmälern“, urteilt Analyst Gutberlet.

In dem lukrativen Segment der Smartphones sind auch RIM mit dem E-Mail-Telefon Blackberry und Apple mit dem iPhone tätig. Sie haben ihre Basissoftware bislang nicht offengelegt, wollen ihre Marktanteil aber drastisch steigern " RIM bei Privatkunden, Apple bei Firmenkunden.

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