drucken

12.01.2009 / FTD

Folgen kreativer Buchführung

Grundsätze guter Unternehmensführung sind in Indien wohl bekannt – allein mit der Umsetzung hapert es. Die einst von Familienunternehmen geprägte Wirtschaft tut sich schwer mit dem Schutz von Kleinaktionären

von Volker Müller

An Auszeichnungen hat es Satyam nicht gemangelt. Die Freude über den „Golden Peacock 2008“ währte aber nur kurz. Der Skandal um gefälschte Bilanzen bei Indiens viertgrößtem IT-Unternehmen war erst wenige Stunden alt, da entzog der World Council for Corporate Governance Satyam wieder seine Auszeichnung für gute Unternehmensführung.

Längst fragen indische Medien: Ist der Betrug des Satyam-Gründers Ramalinga Raju ein Einzelfall? Die Antwort hat die indisch-amerikanische Investmentbank Noble bereits im September vergangenen Jahres gegeben: Nein. In zwei Analysen beschuldigt die Gesellschaft etwa ein Fünftel aller an der Bombay Stock Exchange (BSE) notierten Unternehmen, ihre Zahlen zu manipulieren, jedes zweite Unternehmen des BSE-500-Index soll sogar zum Mittel der Bilanzfälschung greifen. „Kreative Buchführung zeigt ihre hässlich Fratze“, befindet die Noble-Tochter Clear Capital. Demnach hätten mindestens 60 Firmen ihre Umsätze geschönt, Erträge vorzeitig verbucht oder gar Scheinumsätze getätigt. Das Ziel der Firmengründer sei, mit einer Kette positiver Nachrichten den Aktienkurs zu beflügeln.

Im Fall von Raju hat das funktioniert: Über die vergangenen Jahre hat er nach Erfolgsmeldungen stets einen kleinen Teil seiner Aktien veräußert. Zum Schuss hielt er nun noch knapp neun Prozent der Firmenanteile. „Die Vorgänge bei Satyam bestätigen unsere Analysen“, sagt Saurabh Mukherjea, Chef des Aktienhandels von Noble.

Indiens Wirtschaft wird dominiert von Familienunternehmen. Tata, Reliance, Mittal, Birla, Bharat Forge, Wipro " hinter allen steht eine mächtige Gründerfamilie. Selbst die börsennotierten Gesellschaften gleichen meist eher patriarchalisch geführten Firmen als Kapitalgesellschaften. Shilpa Nayak, Direktor des Vermögensberaters Maxim, nennt es die „indische Krankheit“: „Die wenigsten Firmen und Gründer haben die Aktionärskultur ernsthaft akzeptiert.“

Die Wirtschaft hatte wenig Zeit, sich internationalen Standards der Unternehmensführung anzupassen. Bis zur wirtschaftlichen Öffnung des Landes 1991 waren die Konzerne an ihren Heimatmarkt gefesselt, jede Tätigkeit war von Lizenzen abhängig. Die Politik predigte einen Wirtschaftsnationalismus. Anfang der 90er-Jahre stellte Indien ein Sechstel der Menschheit, der Anteil am Welthandel lag aber nur bei 0,4 Prozent.

Damals stand das bis heute offiziell sozialistische Land vor dem Staatsbankrott. Die Devisenreserven reichten nur noch für zwei Wochen, um Rohstoffe zu importieren. Für einen Notkredit musste Indien als Sicherheit seine Goldreserven nach London ausfliegen lassen. Für Finanzminister Manmohan Singh, heute Ministerpräsident, eine Chance, die Fesseln für die eigene Wirtschaft über Bord zu werfen. Seither boomt Indien. Indische Unternehmen selbst sind weltweit auf Einkaufstour. So erwarb Mittal den europäischen Stahlriesen Arcelor, Tata den britischen Autohersteller Jaguar und Suzlon den deutschen Windradbauer Repower. Doch die Corporate Governance, die gute Unternehmensführung, blieb auf der Strecke.

Sichtbarste Zeichen: Minimale Dividenden und unzureichende Kontrolle des Managements. Zwar fordert das indische Aktienrecht „unabhängige Vorstände“, die die Interessen von Minderheitsaktionären vertreten. Häufig genug sind sie doch nur Strohmänner der Gründerfamilie. „Auch wenn sie nur noch 50 Prozent der Anteile halten, beanspruchen sie doch tief in ihren Köpfen 100 Prozent der Firma“, urteilt Maxim-Direktor Nayak. Zuweilen veröffentlichen die Unternehmen nicht einmal Quartalsberichte auf ihrer Website.

Allerdings: Die Gründerfamilien haben ein günstiges Umfeld vorgefunden. Die indische Gesellschaft sei konfliktscheu und institutionelle ausländische Investoren seien an Kurssteigerungen, nicht aber an guter Unternehmensführung interessiert, klagen indische Finanzmarktexperten. Dabei mangelt es nicht an gesetzlichen Instrumenten, Minderheitsaktionäre zu schützen. Eine Studie des Aktienhändlers CLSA, einer Tochter von Crédit Agricole, zur Corporate Governance setzte Indien auf Platz 3 von 20 asiatischen Ländern. „Die Regeln sind vorhanden, werden aber nicht konsequent umgesetzt“, klagt die Wirtschaftszeitung „Business Standard“.

Zwar hat die Regierung das Management von Satyam abgesetzt und einen neuen Vorstand bestimmt. An eine Veränderung der Verhältnisse glauben aber wenige. Noble-Manager Mukherjea: „Die Finanzaufsicht ist ein zahnloser Tiger gegenüber den gut mit der Politik verdrahteten Firmengründern.“