drucken

16.02.2009 / FTD

Indien öffnet Himmel für Ausländer

Internationale Airlines sollen einheimischen Fluglinien aus der Krise helfen · Zahlreiche Interessenten

von Volker Müller

Indiens Regierung ist offenbar bereit, die heimische Luftfahrt für ausländische Investoren zu öffnen. Angesichts sinkender Passagierzahlen und chronischen Kapitalmangels prüft das Kabinett, ausländischen Wettbewerbern Beteiligungen an einheimischen Fluglinien zu erlauben. „Diese könnten bis zu 25 Prozent betragen“, sagte Luftfahrt-Staatssekretär Arun Mishra. Zahlreiche asiatische und europäische Konzerne wie Singapore Airlines und Virgin Atlantic hatten in den vergangenen Monaten Interesse gezeigt. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Bislang war der Sektor komplett abgeschottet für Ausländer. Der Sinneswandel der Regierung unterstreicht den schlechten Zustand der staatlichen wie privaten Fluglinien des Landes. Allein zwischen Oktober und Dezember waren die Passagierzahlen gegenüber dem Vorquartal um 17,7 Prozent gefallen. Der Weltluftfahrtverband IATA schätzt, dass die indischen Gesellschaften im bis zum 31. März laufenden Fiskaljahr etwa 1,5 Mrd. $ Verlust einfliegen werden. Ohne grundlegende "nderungen drohe einigen Gesellschaften mittelfristig das Aus, urteilen Experten.

Die Zeichen der Krise sind offensichtlich. Beispiel Kingfisher: Die zweitgrößte private Fluggesellschaft hatte 2008 den Wettbewerber Air Deccan übernommen und umfangreiche Pläne für Langstreckenflüge nach Europa und in die USA präsentiert. Anfang Februar allerdings musste sie die Bestellung von zwei Maschinen vom Typ Airbus A380 um zwei Jahre verschieben. Indian Oil, größter Anbieter von Kerosin, beliefert Kingfisher sogar nur noch gegen Bargeld.

Die Versuche, die Passagierzahlen zu erhöhen, waren zuletzt immer verzweifelter. Seit Dezember hatten die dominierenden Linien massiv die Preise gesenkt. Teilweise fielen die Tarife um 50 Prozent, gestützt auf ebenfalls gesunkene Spritpreise. Ihre Hoffnung, steigende Fluggastzahlen könnten die Einnahmeverluste überkompensieren, erfüllten sich nicht.

Erschwerend kommt hinzu: Zahlreiche indische Flughäfen haben ihre Gebühren zu Jahresbeginn erhöht oder die entsprechende Genehmigung hierzu erhalten. So stiegen die von Passagieren zu tragenden Gebühren in Mumbai Anfang Januar um zehn Prozent, in Neu-Delhi sollen sie am 1. März steigen. Andere asiatische Flughäfen, etwa in Singapur, Bangkok oder Seoul, reduzierten hingegen ihre Gebühren um bis zu 20 Prozent.

Unisono erhöhten die indischen Unternehmen daher Mitte vergangener Woche die Ticketpreise " und handelten sich damit eine Kartellrüge ein. Derzeit untersucht die zuständige Aufsicht DGCA die Vorgänge. Bis Ende dieser Woche will die Behörde entscheiden, ob sie wegen abgestimmten Verhaltens vorgeht. „Wir beobachten die Vorgänge genau und werden hart reagieren, falls es Absprachen gegeben hat“, sagte Luftfahrtminister Praful Patel. Branchenprimus Jet Airways und Wettbewerber Goair haben ihre Preise bereits wieder gesenkt.

Nach Einschätzung von Experten reicht eine ausländische Beteiligung von 25 Prozent nicht aus, um die indischen Fluglinien zu gesunden. „Sie brauchen mehr als 1 Mrd. $ frisches Kapital. Bei einer Marktkapitalisierung der beiden dominierenden Airlines Jet und Kingfisher von zusammen 420 Mio. $ bringt eine 25-Prozent-Beteiligung gerade einmal 100 bis 120 Mio. $“, sagte Nikhil Vora, Chef des Aktienhändlers SSKI Securities.

Das Centre for Asia Pacific Aviation (CAPA) sieht hingegen ein höheres Investitionspotenzial durch ausländische Gesellschaften: „Die Möglichkeit, 25 Prozent an einheimischen Linien zu erwerben, öffnet das Potenzial für ausländische Investitionen zwischen 750 Mio. und 1 Mrd. $ auf Basis des heutigen Marktwerts der indischen Linien in Höhe von 3 bis 4 Mrd. $.“

Zu den größten Interessenten zählen neben British Airways, Emirates und Virgin Atlantic auch die Lufthansa, berichtete die Wirtschaftszeitung „Business Standard“. Favorit für eine Beteiligung dürfte hingegen Singapore Airlines sein: Der Staatscarrier hatte im Jahr 1995 gemeinsam mit dem Tata-Konzern versucht, eine Fluglinie in Indien aufzubauen. Mit dem Argument, internationale Fluggesellschaften wie Singapore Airlines verfügten über ungleich mehr Geld als einheimische Wettbewerber, hatte die Regierung das Projekt damals zum Scheitern gebracht.