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20.03.2009 / FTD

Oscars verblassen in Bollywood

„Slumdog Millionär“ auf dem Subkontinent umstritten · Indische Filmindustrie profitiert allein vom Heimatmarkt

von Nilanjana Bhowmick und Volker Müller

Globale Erfolge können so billig sein: „Slumdog Millionär“, der jetzt in den deutschen Kinos gestartet ist, kostete nicht einmal 20 Mio. $, eingespielt hat er aber bereits jetzt mehr als 200 Mio. $. Selten hat ein Film die Inder so in Rage versetzt: Zeigt der Streifen doch Armut, Korruption, Machtmissbrauch und Kriminalität in für Inder zu großer Deutlichkeit.

Ein Aufschrei ging durch das Land, Medien lieferten sich hitzige Debatten, Kinos wurden verwüstet, in zahlreichen Bundesstaaten sind Klagen wegen Beleidigung oder Herabwürdigung Indiens anhängig.

„Slumdog“-Regisseur Danny Boyle zeige nicht das wahre Indien, sondern die einseitige westliche Sicht, klagten Kritiker. Die heimische Filmindustrie, liebevoll „Bollywood“ genannt, funktioniert nach ganz anderen Prinzipien: Ihre Filme, in denen stets in grellen Kostümen und bunten Kulissen getanzt und gesungen, nie aber geküsst wird, sind in der Heimat top, im Ausland aber kapitale Flops. Trotzdem sind sie erfolgreich, die indischen Studios kennen keine Krise und geben sich sehr selbstbewusst.

Dass von den acht Oscars für „Slumdog Millionär“ vier Trophäen an die indischen Mitglieder der Filmcrew gingen, wurde in den Medien des Subkontinents gefeiert. Die Auszeichnungen weisen aber auf die Exportschwäche von Bollywood hin. Preise, Anerkennung und internationales Renommee sind den Studios kaum vergönnt.

In Indien leben 1,2 Milliarden Menschen. Den Filmfirmen reicht dieser Heimatmarkt. Die Industrie stößt mehr als 1000 Filme pro Jahr aus. Der Umsatz wird mit 1,3 Mrd. $ beziffert. Und Bollywood lockt jährlich etwa eine Milliarde Besucher mehr in die Filmtheater als alle Hollywood-Produktionen zusammen.

Der Druck, sich international gefälliger zu geben, existiert nicht. „Die Geschichten sind anders aufgebaut, die Dynamik eine andere“, sagte der renommierte Filmkritiker Saibal Chatterjee. Indische Zuschauer seien oft Analphabeten. Um die Massen zu erreichen, müssten indische Filmemacher die Szenen oft überbetonen. In ihrer Schwäche liegt zugleich die derzeit größte Stärke Bollywoods: Da Indien nicht für den Export produziert, trifft der globale Abschwung die Filmindustrie des Landes kaum. „Wir haben keinen Grund, panisch zu sein. Die Krise bedeutet nur, dass die übertriebenen Gagen für die Stars wieder auf Normalmaß zurückgeschnitten werden“, sagte ein Manager von UTV Motion Pictures. Einzelne Darsteller müssten sich inzwischen mit einem Drittel ihrer bisherigen Gehälter begnügen.

Zuletzt hatten Filmgrößen wie Amitabh Bachchan oder Akshay Kumar für indische Verhältnisse obszöne Summen erhalten. Die Filmfirma Adlabs etwa zahlt 7 Mio. $ für einen Vertrag über drei Filme an den Schauspielstar Hrithik Roshan. Das jährliche Durchschnittseinkommen eines Inders hingegen beträgt gerade mal knapp 650 $.

Der Sehnsucht der Inder nach den bunten und schrillen Streifen hat die Krise bisher keinen Abbruch getan. Selbst die Kinder in den Slums, oftmals Ausreißer von zu Hause, kratzen zum Wochenende weiterhin ihre letzten Rupien zusammen und werfen sich in Schale: Jeden Freitag kommen neue Bollywood-Filme in die Kinos " eine willkommene Flucht aus dem täglichen Elend.